Kennen wir das nicht? Alles scheint wie im Frühjahr 2008 . Erst warnen die Beobachter der Weltbank und der Vereinten Nationen vor einer Nahrungskrise, dann gehen die Ärmsten der Welt mit nichts als Wut im Bauch auf die Straße. Am Ende gibt es Tote. Allein zehn Menschen starben vergangene Woche in Mosambik, als Tausende gegen steigende Brot- und Energiepreise protestierten.

Dieses Mal aber will der Westen den Schuldigen schnell gefunden haben. Frankreichs Regierung hat Spekulanten für die Inflation der Rohstoffpreise ausgemacht, auch Deutschlands Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner sympathisiert mit dieser Deutung. Recht haben die Regierungen aber nur auf den ersten Blick. Wer Spekulanten bekämpft, stillt vielleicht den Durst der Bürger nach Gerechtigkeit, aber nicht den Hunger in Afrika, Asien oder Lateinamerika.

Aus Sicht der Franzosen ist alles einfach: Millionen leiden, weil einige wenige Milliarden verdienen. Da der Handel mit Wetten auf Rohstoffe beständig zugenommen habe, erscheint die Regulierung der Rohstoffmärkte den Franzosen "unzulänglich". In einem 48-seitigen Diskussionspapier für den französischen Binnenmarktkommissar Michel Barnier plädieren sie, angeführt von Wirtschaftsministerin Christine Lagarde, für strengere Regeln. Die wollen sie am liebsten schon während ihres G-20-Vorsitzes von November an umsetzen. Noch erscheint ihnen die Gelegenheit für Interventionen günstig. Erst vergangene Woche entschied sich Europas Politik dafür, Finanzkonzerne umfassender zu kontrollieren . Deutschland ging voran, indem es ungedeckte Leerverkäufe verbot . In dieser Woche diskutierten die EU-Finanzminister über eine Steuer auf Finanzmarkttransaktionen . Doch es blieb, wie so oft, bei Gerede.

Da scheint es manchen schon verlockender, zunächst bei sensiblen Branchen in den Markt einzugreifen. Welcher Autofahrer würde widersprechen, wenn die massive Schwankung des Ölpreises eingedämmt würde. Wer sollte sich dagegenstellen, dass die Preise von Weizen und Kaffee kalkulierbarer werden? Deutschlands Landwirtschaftsministerin Aigner jedenfalls nicht. Sie unterstützt Frankreichs Vorpreschen, denn "Nahrungsmittel sollten nicht mit Maschinen oder Konsumgütern in eine Schublade gesteckt werden". Es sei bedenklich, "wenn Spekulanten die Rohstoffknappheit bei Lebensmitteln nutzen, um kurzfristig Profit zu machen".

Es wäre wirklich schön, könnte man per Gesetz Hunderte Millionen Menschen satter machen. Und damit en passant von der eigenen Zuständigkeit ablenken. Aigner wie Lagarde wissen, dass die Spekulanten nicht allein für die Preisentwicklung verantwortlich sind.

Ursachen des Elends sind häufig durch den Klimawandel forcierte Naturphänomene wie Fluten, Dürren oder Brände wie kürzlich in Russland. Die Weizenpreise explodieren, seit Russland, die viertgrößte Kornkammer der Welt, einen Exportstopp verhängt hat. Nun fehlen Millionen Tonnen Getreide auf dem Weltmarkt. Der Kurs schoss steil nach oben. Und das ist kein Einzelfall.