Dieser eine Begriff fiel immer wieder bei Gesprächen über das Leben mit Kind in Dresden: "Paradiesisch" müsse das Angebot an Kindertagesbetreuung sein. "Hach", seufzte meine beste Freundin, die im Allgäu fast drei Jahre nach einem Kita-Platz gesucht hatte, "dann kannst du ja sofort wieder einsteigen, wenn du arbeiten willst."

Irgendwann waren wir selbst davon überzeugt, im Paradies zu leben. Bei Spaziergängen vorbei an den vielen Kitas malten wir uns aus, welche Kriterien unsere erfüllen müsste. Ein durchdachtes pädagogisches Angebot sollte sie haben, kindgerecht gestaltet sein und, selbstverständlich, ein gutes Bauchgefühl vermitteln. Zweifel daran, dass diese Traum-Kita auch zu finden sein würde, hegten wir keine Sekunde. Hier wähnt man sich schließlich in einer Oase. Wenn in Berlin sogar der Bundespräsident für seinen zweijährigen Sohn keine Kita findet und auf der Warteliste landet, sagt der Dresdner: Tja, bei uns gibt’s solche Probleme nicht.

Stattdessen, verkündet stolz das Kultusministerium, besuchten japanische Professoren, Kindergartenbetreiber und Journalisten aus der ganzen Welt die Dresdner Kitas – um sich vor Ort darüber zu informieren, wie etwa das Thema Ökologie schon für sächsische Knirpse aufbereitet wird. Daheim erzählten die Delegationen dann von den großen frühkindlichen Bildungserfolgen im paradiesischen Freistaat Sachsen. Vielleicht aber sollten die Besucher auch erzählen, dass der Weg ins Dresdner Paradies beschwerlicher kaum sein könnte.

Unseren Sohn meldeten wir schon drei Wochen nach seiner Geburt, im Mai 2009, in fünf städtischen Kindergärten für einen Platz ab Mai 2010 an – und warteten erst einmal. Im November kam Post vom Eigenbetrieb Kindertageseinrichtungen, der für die Vergabe der kommunalen Kita-Plätze zuständig ist. Mit der ersten Überraschung: Zum gewünschten Zeitpunkt sei leider nichts frei; bei Bedarf könne man sich ja im Februar noch einmal melden, stand dort. Mein Versuch, den anhaltenden Bedarf schon früher mitzuteilen, scheiterte – man möge doch bitte bei freien Trägern oder Tagesmüttern nachfragen. Was folgte, fühlte sich nicht paradiesisch an, im Gegenteil: Bei den meisten freien Trägern sorgte die Frage, ob in einem halben Jahr ein Krippenplatz zu bekommen sei, für herzhaftes Lachen.

Schließlich landeten wir auf den Wartelisten von zwei freien Trägern und acht Tagesmüttern, die uns sagten, dass sie zwar vollkommen ausgebucht seien, aber zwei- bis dreistellige Nachrückerlisten führten. In einem Fall wurden wir auf Platz 78 gesetzt. Dafür waren wir ehrlich dankbar. Pädagogisches Konzept? Kindgerechte Ausstattung? All das war inzwischen vollkommen egal geworden. Solange nur ein bisschen Hoffnung auf einen Betreuungsplatz bestand. Hoffnung darauf, wenigstens sechs Monate nach Ablauf der Elternzeit wieder halbtags in die Arbeit einsteigen zu können.

Zum Frust über die unklare Lage, die keinerlei Berufsplanung erlaubte, kam die Einsicht: Wir waren nicht allein. Keiner der Mütter, die ich in diversen Krabbel- und Stillgruppen kennengelernt hatte, erging es besser. Wöchentlich tauschten wir uns darüber aus, dass E-Mails und Anrufe bei den Sachbearbeiterinnen anscheinend in einem schwarzen Loch verschwanden. Wir verglichen Warteplätze und weinten uns gegenseitig vor, dass es karrieremäßig künftig nur noch bergab gehen werde. Telefonnummern von Tagesmüttern, die einen freien Platz innerhalb der kommenden acht Monate angekündigt hatten, wurden gehandelt wie Goldbarren.

Niemand hat den Überblick, wie groß der Betreuungsbedarf wirklich ist

Freundin R., die für ihren Sohn ab Sommer 2010 unbedingt einen Krippenplatz brauchte, um ihren Job nicht zu verlieren, begann bald, sich an einen Gedanken zu gewöhnen: "Ich werde arbeitslos." Ab Februar 2011, teilte der Eigenbetrieb mit, sei ein Platz zu haben, "vorbehaltlich Fertigstellung" der Kita zu diesem Zeitpunkt.