Der Abend, an dem Beate Roch ihr Vertrauen in die Polizei verlor, begann mit einer umjubelten Premiere. Theatre noir hieß das Stück, das die jugendlichen Laienschauspieler vom Theatrium aufführten. Es ging – zufällig – um überforderte Polizisten, die Zuschauer applaudierten lange, anschließend wurde gegrillt. Das Theatrium ist ein trister Flachbau im Leipziger Plattenbauviertel Grünau, bunte Graffiti können die Tristesse nicht übertünchen. Roch ist die Geschäftsführerin des Kindertheaters.

Nach der Aufführung pöbelten vor dem Theater betrunkene junge Männer. Dann ging es sehr schnell: Am Eingang wurde ein Gast ins Foyer gestoßen, es flogen Bierflaschen. Die Theaterleute verriegelten die Tür, in der Panik bemerkten sie zunächst nicht, dass sich noch einer der ihren draußen vor der Tür befand. Minuten später hatten drei oder vier Randalierer den jungen Mann zusammengeschlagen, er lag in einer Blutlache, die Nase gebrochen.

Beate Roch sitzt in dem winzigen Büro des Kindertheaters und erzählt, wie sie an jenem Tag vor einem Jahr vergeblich auf Hilfe wartete: "Wir haben sofort die 110 angerufen, bitte sofort kommen, hier ist ein gewalttätiger Überfall." Nach zehn Minuten kam der Krankenwagen, nicht aber die Polizei. Noch zwei Mal habe man angerufen. "Nach einer Dreiviertelstunde kam dann ein Streifenwagen gemächlich angefahren. Wir haben den beiden Beamten gesagt: Die Täter sind noch in der Nähe, wir hörten sie noch randalieren." Anstatt die Täter zu verfolgen, hätten die Beamten Zeugen verhört. Man könne immer nur eine Straftat aufnehmen, so ihre Begründung. Beate Roch zieht Briefe aus einem Ordner und legt sie auf den Tisch, mit fester Stimme und nervösen Händen. "Wir waren so empört, dass wir Fachaufsichtsbeschwerde eingereicht haben."

Das sächsische Innenministerium hat den Fall untersucht: Alle Kräfte des zuständigen Reviers West seien gebunden gewesen, heißt es in der Antwort an den Theaterverein. Daher sei der einzig verfügbare Streifenwagen geschickt worden, vom Revier Südwest. Als die Beamten losfuhren, seien sie zehn Kilometer vom Tatort entfernt gewesen. Laut Aktenlage erreichten sie ihn nach 34 Minuten. Der Fall sei eine Ausnahme, so die offizielle Bewertung: Es habe mehr Notrufe als vorhandene Kräfte gegeben. Die neue Revierstruktur habe für den Ablauf keine Rolle gespielt.

Das Revier wurde geschlossen. Jetzt gibt es eine "Servicedienststelle"

Frau Roch sieht das anders. Früher hatte sie einen guten Draht zum Polizeirevier Grünau. Vor brisanten Aufführungen etwa zum Thema Rechtsextremismus rief sie an, eine Streife sicherte dann die Veranstaltung ab. "Die wären in zehn Minuten da gewesen", sagt Beate Roch. Doch das Revier in Grünau wurde geschlossen. Zurück blieb nur eine sogenannte "Servicedienststelle". Auch dort riefen sie an jenem Premierenabend vor einem Jahr an. "Da wurde uns gesagt: Wir sind für solche Notrufe nicht zuständig", erzählt Frau Roch. Sie zieht daraus ihre Schlüsse: "Wenn immer mehr abgebaut wird, werden immer weniger Polizisten da sein, um den Leuten zu helfen."

Die politisch brisante Frage lautet: Sind Fälle wie der Einsatz am Leipziger Theatrium Ausnahmen, oder werden sie in Sachsen zur Normalität? Innenminister Markus Ulbig, CDU, will im Herbst seine Polizeireform vorstellen. Derzeit erarbeitet das Ministerium mithilfe externer Berater eine neue Struktur. Schon jetzt steht jedoch fest, dass weiter massiv Personal abgebaut wird. Vor vier Jahren wurde damit begonnen, 2441 Stellen zu streichen. Der Abbau soll in neun Jahren verwirklicht sein. Um das zu erreichen, müssen künftig deutlich weniger Polizisten eingestellt werden als in Pension gehen. Nach 2019 werden, so die Pläne der Landesregierung, weitere 800 Stellen wegfallen. Derzeit verfügt Sachsens Polizei noch über 13.883 Beamte. Jede fünfte Stelle soll also eingespart werden. Der Sprecher des Innenministeriums, Frank Wend, verweist auf "deutlich geringere finanzielle Handlungsspielräume". Diesen müsse in allen Bereichen Rechnung getragen werden.

Die Polizeigewerkschaften sehen die Innere Sicherheit in Sachsen bedroht. Während Ministeriumssprecher Wend angeblich geplante Schließungen von Revieren weder bestätigen noch dementieren möchte, steht für den Landesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, Frank Conrad, fest: "Es wird zu Schließungen kommen." Derzeit herrsche bei kleineren Dienststellen Personalnotstand. "Wenn ich nicht genug Personal habe, muss ich entscheiden, was Priorität hat. Der Bürger wird künftig lange auf die Polizei warten müssen." Weitere Wege würden das Eintreffen der Beamten zwangsläufig verzögern.