Als Peter Y. Solmssen 2007 in den Siemens-Vorstand einzog, schlug ihm im Unternehmen ein ziemlicher Argwohn entgegen. Der Neue kam von General Electric – dem Erzrivalen des deutschen Konzerns. Der Neue war Amerikaner – und in Amerika drohte Siemens eine Milliardenstrafe wegen Korruption . Und der Neue hatte die Aufgabe, das Unternehmen zu säubern und eine Überwachungstruppe aufzubauen, damit nicht noch einmal Hunderte von Millionen aus schwarzen Kassen in die Taschen korrupter Politiker, Beamter und Manager fließen würden.

Zur allgemeinen Überraschung der Siemens-Kollegen sprach der hochgewachsene Amerikaner, der zuvor in London gearbeitet hatte, ein exzellentes Deutsch. Solmssen ist in Philadelphia aufgewachsen, er war aber schon als Schüler in Deutschland. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München wirkte er als ehrenamtlicher Helfer und Gästebetreuer mit, damals war er 17. Über Solmssens Vater war 2007 in den Zeitungen zu lesen, er sei ein Romancier, der seine Kindheit in den dreißiger Jahren in Berlin verbracht habe. Die Familie hatte demnach deutsche Wurzeln.

Der neue Siemens-Mann machte wenig Aufhebens um seine Person. Er hatte genug zu tun. Solmssen übernahm ein Ressort, das es vorher bei Siemens nicht gab. Er wurde Vorstand für Recht und Compliance (Regeltreue), Chefjustiziar und Korruptionsbekämpfer in einer Person. Eine große Aufräum- und Aufbauarbeit lag vor ihm. Dabei ging es nicht um Selbstdarstellung. Und über seine Familie sprach Solmssen sowieso nur dann, wenn er darauf angesprochen wurde.

So wissen bis heute auch bei Siemens nur sehr wenige, dass Peter Y. Solmssen aus einer der bedeutendsten deutschen Bankiersfamilien stammt. Sein Urgroßvater war Arthur Salomonsohn, einst Aufsichtsratschef der Deutschen Bank. Der Urgroßonkel war Georg Solmssen, viele Jahre Vorstand und kurzzeitig Chef der Deutschen Bank.

Salomonsohn und Solmssen, das sind zwei Namen für eine Familie. Eine deutsch-jüdische Familie.

Die Geschichte beginnt mit Adolph Salomonsohn aus Bromberg, der als Rechtsreferendar nach Berlin kam, eine steile Karriere machte und 1869 einer der Inhaber der Disconto-Gesellschaft wurde. Das Institut sollte bald darauf zu einer der größten Banken des Kaiserreichs werden. Salomonsohn half entscheidend mit, den Staat über Anleihen zu finanzieren, und er spielte in der Schwerindustrie und beim Eisenbahnbau eine wichtige Rolle. Ohne den Bankier wäre die Gotthardbahn womöglich eine Investitionsruine geworden. Als sich Salomonsohn aus dem Vorstand der Bank zurückzog, folgte ihm sein Neffe Arthur nach, erst als Justiziar, dann als Gesellschafter. 1912 wurde er Chef der Bank. Er verhandelte in Argentinien über Anleiheschulden und half nach dem Ersten Weltkrieg, die Montanindustrie neu zu ordnen. Bei der Gründung der Siemens-Rheinelbe-Schuckert-Union stand Arthur Salomonsohn Pate.