Verflucht worden sind wir eigentlich schon länger nicht mehr. Beschimpft ja, das gehört zu einem gelungenen Theaterabend einfach dazu. Wir Zuschauer erwarten nachgerade, dass uns die Dramatiker nicht nur schulmeisterlich erziehen, so Schaubühne-als-moralische-Anstalt-mäßig, sondern uns im Stil des 20. Jahrhunderts lässig anrempeln: ein paar Beleidigungen und peinliche Überraschungen, ein bisschen Publikumsbeschimpfung à la Peter Handke.

Aber mit Handke haben wir es heute Abend am Deutschen Theater nicht zu tun, sondern mit einem anderen Peter. Hacks heißt er und ist, wie alle Klassiker, tot. Man erkennt es daran, dass die Feuilletons in den letzten Jahren dazu übergegangen sind, ihn hymnisch zu loben – oder wie der Fachausdruck in der DDR lautete: zu beerben. Die Kulturfunktionäre damals sprachen auch gern von Erbeaneignung, was zutreffend war, weil Tote sich nicht wehren können. Deshalb hat Peter Hacks seinerzeit das erbeaneignungskritische Stück Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe geschrieben, das prompt zum antiklassizistischen Klassiker wurde. Aber davon später.

Jetzt erst mal der Fluch. Da verflucht ein sozialistischer Arbeiter seine einst geliebte, aber zur Zwangsjacke gewordene Heimat DDR – und mit ihr die ganze Welt. Der Mann erhoffte Zukunft und geriet in die Betriebsparteiversammlung. Nun hat er beschlossen, in den Westen abzuhauen. Zuvor spuckt er noch wütend sein Abschiedsgedicht heraus, als wäre hinter jedem Vers ein Ausrufezeichen: "Kein Begriff erhelle deine Welten! Keine Gutschrift soll, kein Eid soll gelten! Keine Straße soll dein Land verbinden! Keine Post soll den Empfänger finden! Rost wird ganze Industrieanlagen – ! Weil ein Zahnrad mangelt, niedernagen!"

Dieser Fluch meint nicht nur die untergegangene DDR, sondern die Menschheit als solche, also auch uns. So proletarisch polternd, wie sich hier "niedernagen" auf "Industrieanlagen" reimt, weiß man gleich, von welchem Weltuntergang die Berliner Premiere handelt: Sozialismus kaputt, Deutschland ganz. Mit der Inszenierung von Peter Hacks’ 60 Jahre altem Skandalstück Die Sorgen und die Macht zollt das Deutsche Theater der deutschen Einheit seinen farcenhaften Tribut. Das Drama handelte ursprünglich mal von jenen hoffnungsfrohen Aufbaujahren, als der Mensch noch sozialistisch werden wollte. Als er aber auch schon ahnte, mit der linken Utopie ist es Essig. In Berlin machen die Regisseure Tom Kühnel und Jürgen Kuttner daraus eine flotte Weltuntergangsshow. Sie beklagen nicht etwa ostalgisch das Scheitern des Sozialismus, sondern feiern menschliches Versagen und lassen Endzeitgefühle tragikomisch wetterleuchten.

Jetzt ist die Zukunft, von der wir vorgestern träumten und die Hacks in seinem Versuch über das Theaterstück von morgen ausmalte. Nur: Sie sieht so anders aus! Brikettierer und Glasfacharbeiterinnen, Parteisekretäre und VEB-Direktoren, aber auch FAZ- Kritiker, ZEIT- Redakteurinnen und Pittiplatsch treten auf. Sie singen verschlissene Lieder und sagen alte Rezensionen auf. Sie sind das Personal einer Übergangsgesellschaft, die vom Erscheinungsjahr des Hacksschen Stückes 1958 bis ins Heute und, wenn wir Pech haben, ins Unendliche reicht. Die Figuren haben alle eine Sehnsucht, aber resigniert sind sie schon auch. Manche trinken gegen den Frust ein Bier, andere versuchen es mit Liebe. Zusammen tanzen sie in einer höchst sarkastischen Geschichtsrevue zwischen den Epochen hin und her: aus den Fünfzigern in die Neunziger in die Goethezeit und zurück. Am Ende rumpelt ein Haufen Kohlen über ein Förderband in Goethes Weimarer Studierzimmer. Die Büste der Juno ist, wenn man sie umdreht, eine Büste von Marx. Und der Fluch des Arbeiters ist, wenn man ihn in der Hacks-Werkausgabe nachschlägt, ein von Walter Ulbricht gesprochenes Gedicht, worin der seine Wut darüber rausschreit, dass ihn Honecker durch eine Intrige gestürzt hat.

Was hat das mit uns zu tun? Vielleicht so viel, dass die Menschen auch heute noch intriganter, feiger und weniger gut sind, als man sie sich wünschen würde. Dass sie als Theaterfiguren das klassische Heldenideal weiterhin verfehlen. "Warum erachtet man Cäsar für größer als den Irren, der sich Cäsar dünkt? Weil Cäsar Cäsars Taten tut", schreibt Hacks in seinen Maßgaben der Kunst . Der große Charakter macht Wellen: falls da ein Ozean ist. Der große Charakter hat einen weiten Horizont: Gebt ihm einen Gipfel. Leider ist kein Horizont in Sicht. So lautet die ernste Botschaft dieser witzigen Inszenierung: Gipfelmenschen sind wir nicht.