Multikulti auf Türkisch. Ein Oppositionspolitiker bestreitet die türkische Herkunft des Premierministers, der in Wirklichkeit Georgier und zudem mit einer Araberin verheiratet sei – "die armen Kinder!". Der Premier versichert, dass in seinen Adern türkisches Blut fließe, zieht aber die Abstammung eines anderen Oppositionspolitikers in Zweifel, der seinerseits mehr Härte gegenüber den kurdischen Bergkämpfern gefordert hatte: "Bist du nicht selbst Kurde?"

Bekenntnisse und Blutlinien sind dieser Tage in Ankara und Istanbul wichtiger als Argumente. Vor allem aber ist eine klare Haltung gegenüber dem Mann gefragt, an dem sich hier die Geister scheiden: Premier Tayyip Erdoğan. Über ihn und seine Politik stimmen die Türken am kommenden Sonntag ab, in einem Verfassungsreferendum, das ihnen der Premier im Paket vorlegt. Das türkische Grundgesetz soll in 27 Punkten abgeändert werden. Die Opposition sagt Nein. Ring frei.

Istanbul ist die große Bühne des Zoffs. Bunt beklebte Kastenwagen touren mit Lautsprechern durch die Straßen und nerven die Leute. Ein Altersheim in Istanbul kündigt an, geschlossen Nein zu sagen, der Verband der anatolischen Milchproduzenten gelobt, mit Ja zu stimmen. Ein Gewerkschaftsführer nennt alle Verräter, die das Referendum ablehnen. Die Oppositionspresse berichtet von den ersten "Ja-Opfern": Ein Arbeiter sei unter einem Posterstapel erdrückt worden. Die Umfragen sagen den Ja-Sagern 51 Prozent voraus, der Nein-Fraktion 49 Prozent. Weil alles so knapp aussieht, schickten Parteigänger der regierenden AKP am vergangenen Sonntag eine Hilfsflottille los, diesmal aber nur auf dem Bosporus und nicht Richtung Gaza. Die Schiffe waren geschmückt mit Ja-Bannern und Erdoğan-Postern. Am Ufer tanzten die Fans.

Wie kann ein trockenes Verfassungsreferendum die Türken so in Wallung bringen? Die 27 Artikel, über die am Sonntag entschieden wird, sind zu technisch, zu kleinteilig, als dass sich die Wut der Massen an ihnen entzünden könnte. Was die Türkei wirklich umtreibt, ist die Machtfrage in ihrem Land. Die hat viel mit der absonderlichen Verfassung des Landes zu tun. Und einiges mit Erdoğans Ambitionen.

"Ich reformiere und demokratisiere die Türkei!", sagt der Premier. Die Opposition hält dagegen: "Erdoğan krempelt die Institutionen um – er greift nach der ganzen Macht!" Kurioserweise haben beide Seiten recht. Das Verfassungspaket enthält eine Fülle von kleinen Verbesserungen. Damit wirbt Erdoğan. Die höchsten Richter werden aus einem breiteren Kreis und von mehr Institutionen als bisher gewählt. Kinderrechte werden ausgeweitet. Zivilisten dürfen nicht mehr von Militärrichtern verurteilt, Armeeangehörige sollen bei Verbrechen außerhalb der Kasernen vor zivile Gerichte gestellt werden. So weit, so demokratisch. Die Europäische Union hat bereits signalisiert, dass sie die Änderungen für "kleine Schritte in die richtige Richtung hält".

Gewaltenteilung auf Türkisch: Das Volk wählt, die alte Elite bestimmt

Die nationalsäkulare Opposition aber hält die Artikel über das Verfassungsgericht und das Militär für brandgefährlich. Sie fürchtet, die konservative Regierung wolle künftig Richter und Staatsanwälte gefügig machen. Türkische Soldaten könnten nach den Änderungen zivilen Richtern "ausgeliefert" werden. "Erdoğan schwächt unsere Armee", donnert der neue Führer der säkularen CHP Kemal Klçdaroğlu. "Er schwächt die Türkei, um sich selbst zum starken Mann zu machen."

Richtig daran ist, dass die alte Ordnung der Türkei ins Wanken gerät und dass Premierminister Erdoğan davon profitieren wird. Gewaltenteilung auf Türkisch, das ging früher so: Das Volk, "ungebildet" und überwiegend gläubig, wählte konservative und oft fromme Politiker ins Ministerpräsidentenamt. Solche wie Tayyip Erdoğan. Die durften dann auch regieren, die Türkei hatte schließlich seit den fünfziger Jahren freie Wahlen. Nur gelegentlich putschte die Armee, wenn es dem Generalstab zu bunt mit der Regierung wurde. Die Opposition saß im Parlament, aber das war nicht so wichtig. Vor allem hatten die nationalsäkularen kemalistischen Eliten ein Dauerabonnement auf die entscheidenden Sessel in der Bürokratie, in der Armee, in der Justiz. Auch der Präsident im einstigen Palast von Kemal Atatürk stand oft in Konkurrenz zur Regierung. Die Verfassung, die die Generäle dem Land nach dem Putsch 1980 verschrieben, zementierte diese Ordnung.