Das böse Wort von der "gekauften Republik", das der Spiegel 1983 prägte, ist zwar mit dem Namen Flick verbunden, die wichtigste Figur dieser den Staat erschütternden Affäre war aber Eberhard von Brauchitsch, der wahre Chef des Flick-Konzerns . Vergangene Woche wählte der 83-Jährige gemeinsam mit seiner ebenfalls kranken Frau in Zürich den Freitod . In der Schweiz lebten die Brauchitschs, seit sie vor zwanzig Jahren aus Deutschland tief gekränkt fortgegangen waren. Brauchitsch fühlte sich von (fast) allen Freunden verlassen, ohne angemessene Beschäftigung und in seiner Ehre verletzt.

Im Kern ging es bei der Affäre um zwei Sachverhalte. Der Flick-Konzern hatte CDU/CSU, FDP und SPD über Jahrzehnte verdeckte Spenden zukommen lassen. Und er hatte beim Bundeswirtschaftsminister gesetzlich geregelte Steuerbefreiungen beantragt und bewilligt bekommen, nachdem er 1975 seine Daimler-Benz-Beteiligung verkauft und das Geld in andere Unternehmen reinvestiert hatte.

Das sah, als es bekannt wurde, nach Bestechung aus. Es war aber keine. Brauchitsch wurde 1987 vom Bonner Landgericht vom Bestechungsvorwurf freigesprochen, die Bundeswirtschaftsminister und FDP-Politiker Hans Friderichs und Otto Graf Lambsdorff wurden vom Vorwurf der Bestechlichkeit entlastet. Alle drei wurden aber wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Den Vorteil hatten allerdings nicht sie, sondern die Parteien gehabt. Fazit der Prozesse: Der Flick-Konzern hatte illegal gespendet. Er hatte aber keine Minister gekauft, geschweige denn die Republik.

"Parteispende" sei ohnehin das falsche Wort, fand Brauchitsch, Spenden seien ja freiwillig. "Die Wirtschaft zahlte Schutzgelder, um sich vor Repressionen in Form wirtschaftsfeindlicher Politik zu schützen", behauptete er in seinem Buch Der Preis des Schweigens. Der Skandal aus seiner Sicht: "Das über Jahrzehnte mühsam aufgebaute Vertrauensverhältnis von Politik und Wirtschaft war binnen kurzem in seinen Fundamenten zerstört." Doch obwohl er sich im Stich gelassen fühlte, belastete Brauchitsch im Prozess keinen Politiker. Man konnte dem Manager durchaus folgen, wenn er in seinem Buch für "ein freimütiges Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik" plädierte und erklärte, dass das beim Wiederaufbau nach dem Krieg sehr geholfen habe. Aber er gab eben auch zu, dass ihm und seinesgleichen immer daran gelegen war, "die Schutzgelder so zu lenken, dass jene Kräfte in den Parteien unterstützt wurden, die den Ideen der freien Marktwirtschaft nicht entgegenstanden".

In dem, was er die "Pflege der Bonner Landschaft" nannte, ging Eberhard von Brauchitsch eindeutig zu weit. Er missachtete die Grenzen.

Bezeichnend ist die Geschichte mit dem Kaviar. Sie kam im Flick-Untersuchungsausschuss zur Sprache, und Brauchitsch hat sie 1991 dem damaligen Redakteur der Süddeutschen Zeitung Giovanni di Lorenzo ausführlich erzählt. Sie geht so: Helmut Kohl, damals noch Oppositionsführer, kündigt sich bei den Brauchitschs zu einem privaten Besuch an. Auf die Frage, worauf er Appetit habe, sagt Kohl: Kaviar. Tage später telefoniert Brauchitsch mit Hannelore Kohl. Die beklagt, dass sie beim Schmaus nicht dabei gewesen war. Woraufhin Brauchitsch dem CDU-Politiker bei nächster Gelegenheit Kaviar für die Gattin mitgibt. Doch die Gabe kommt nicht an, wie Hannelore dem Eberhard wiederum am Telefon sagt, der Helmut habe den Kaviar in Bonn ohne sie gegessen. Daraufhin lässt Brauchitsch seinen Fahrer eine Dose zu Hannelore Kohl nach Ludwigshafen bringen, "russische Marmelade", schreibt er in einem Begleitbrief.

Im Rückblick fand Eberhard von Brauchitsch daran nur zwei Dinge anstößig: Dass die Kopie seines "privaten" Briefs von den Staatsanwälten beschlagnahmt wurde und den Weg in die Presse fand. Und dass Hannelore Kohl damals keine Danksagung geschickt hatte. Nur deshalb habe sich die Briefkopie ja noch in der Privatakte befunden. Nach Eingang einer Antwort wäre beides weggeworfen worden, so Brauchitsch. Ohne es zu merken, offenbarte der einstige Wirtschaftsboss dabei, dass er mit dem, was er gab, vor allem auf die Dankbarkeit der Empfänger abzielte.