Das Video zeigt einige der Meeresbewohner, die der Census of Marine Life entdeckt hat (in englischer Sprache)

Täglich überqueren Tausende Touristen die Ozeane. Aus dem Flugzeug blicken sie auf eine blaue Fläche. Als dreidimensionalen Raum nehmen die wenigsten Menschen das Meer wahr. Und wenn, dann als nasse Ödnis. Wer denkt schon daran, welche fantastischen Landschaften sich unter den Fluten verbergen? Hunderttausend Berge, die längsten Gebirgszüge der Erde, abgrundtiefe Gräben, gigantische Ebenen – und alles voller Leben.

Die Ozeane bilden das größte irdische Ökosystem. Und das rätselhafteste. Erst wenige Prozent wurden bisher erforscht, wohl nur Promille der wundersamen Bewohner. Entsprechend paradox wird es sich anfühlen, wenn Anfang Oktober in London ein internationales Forscherkonsortium eine erste Inventur des Meereslebens vorstellt. Der Census of Marine Life (kurz CoML, siehe Kasten) hat Abertausende neue Arten ans Licht gebracht und uns zugleich Überraschendes über vermeintlich alte Bekannte gelehrt. Zehn Jahre lang waren Biologen und Ökologen, Gen- und Meeresforscher mit Netzen, Kameras, Robotern, U-Booten und Forschungsschiffen unterwegs und zwängten sich oft selbst in den Taucheranzug. Nie lernte die Welt hier oben auf einen Schlag mehr über die Welt da unten – auch wenn unser Unwissen immer noch groß ist.

Der Meereszensus füllt riesige Datenbanken. Und eine Fülle neuer Bücher zeigt seine schönsten Exemplare – ein Einblick in fremde Unterwasserwelten: frisch entdeckte Wesen, Neues über schon Bekannte, Überraschungen, Bizarres und Rekorde. Wir präsentieren ein subjektives Mosaik aus marinen Rekorden, Tricks und Täuschungen, Kommunikation, Sex und sozialer Kooperation. 

Rekorde

Typisch für die Tiefsee, die sich unseren Blicken vollständig verschließt, ist Gigantismus. Hier leben Tiere, die alles in den Schatten stellen, was wir vom Land oder vom seichten Wasser kennen: omnibusgroße Riesenkalmare, Spinnen, groß wie Suppenteller, oder Riesenasseln im Format von Rugbybällen. Und es gibt uralte Wesen. Als mariner Methusalem gilt derzeit die Schwarze Tiefseekoralle (Geraldia savaglia). Ihr Alter lässt sich aufgrund von Jahresringen im Skelett schätzen. Wissenschaftler fanden eine lebende Geraldia-Kolonie, die sagenhafte 4265 Jahre alt ist – etwa tausend Jahre älter als Moses oder der ägyptische Pharao Ramses II. N ancy Knowlton vom Smithsonian National Museum , eine führende Riff- und Zensusforscherin, prophezeit in Citizens of the Sea, der Altersrekord werde bald fallen: "Da erst wenige Korallen datiert sind, werden sicher noch ältere gefunden werden."

Nicht ganz einig sind sich die Experten, welchem Meeresvogel die Goldmedaille gebührt. So präsentieren Darlene Trew Crist und ihre Koautoren in Schatzkammer Ozean den Dunklen Sturmtaucher (Puffinus griseus) als Streckenweltrekordler. Jährlich absolviert er bis zu 64.000 Kilometer auf seinem Rundflug über dem Pazifik, vom Brutgebiet Neuseeland nach Alaska und zurück. Knowlton hingegen beruft sich auf neuere Studien und sieht die Küstenseeschwalbe klar vorn. Dieser schnittige Flieger mit schwarzer Mütze und rotem Schnabel wird wissenschaftlich Sterna paradisaea genannt. Er pendelt von Pol zu Pol zwischen dem Sommer in der Arktis und dem in der Antarktis, immer schön entlang der Küsten, paradiesisch der Sonne nach. Über 70.000 Kilometer schafft der Vogel pro Jahr. Am Lebensende habe so ein Polflieger eine Strecke von "bemerkenswerten drei Rundreisen zum Mond" abgespult, so Knowlton. Auch dies wird nicht die letzte Wertung sein: Erst wenige Meeresvögel wurden bisher mit Sendern verfolgt.

Eine Galerie zeigt bizarre Eichelwürmer, Seegurken und Quallen © David Shale

Nicht der Drang in die Ferne, sondern die Kunst zu schrumpfen zeichnet Leguane aus. Sie halten den Weltrekord, um des nackten Überlebens willen: Immer wieder durchleiden sie in ihrer Heimat auf den Galapagosinseln Hungersnöte. Wenn sich das Meerwasser dort infolge des Klimaphänomens El Niño periodisch erwärmt, schwinden Tang und Algen drastisch. Die meisten Echsen sterben dann mangels Futter. Um zu überleben, schrumpfen die Hungerkünstler um etwa ein Fünftel – mehr als von irgendeinem anderen Wirbeltier bekannt. Zum Vergleich: Ein erwachsener Mensch würde einen Kopf kürzer.

Ebenso rekordverdächtig ist ein buntes Krustentier aus dem Indopazifik, der Clown-Fangschreckenkrebs ( Odontodactylus scyllarus ). Der hochgerüstete Jäger trägt an den Vorderbeinen rote Keulen. Diese verdickten Ellbögen können atemberaubend rasch vorschnellen – hundertmal so fix wie der Boxhieb eines Schwergewichtlers. Der Krusten-Klitschko hat laut Knowlton das schnellste Geschütz, "kein Tierarm oder -bein ist schneller". Die Krebse können ihre Keulen extrem vorspannen, wie eine Armbrust. Sie zertrümmern so Schalen oder Krusten ihrer Beute – große Exemplare knacken gar Aquariumwände.

Vegetarisches Leben gelingt im Ozean allenfalls am oberen Rand, wo das Licht Algenwachstum ermöglicht. Wer im dunklen Tiefenwasser, das etwa zwei Drittel der Erdfläche bedeckt, nicht nur von herabrieselndem Kompost, Kot oder Aas leben will, muss teilnehmen am globalen Drama "Räuber fressen Räuber".