Als das Gen im vergangenen Jahr seinen 100. Geburtstag feiern konnte, hat ihm niemand gratuliert. Offenbar wollte man sich mit dem Jubilar nicht blicken lassen, und bald konnte man auch lesen, warum. In den Laboratorien der Biowissenschaften waren Einsichten gelungen, die uns eine neue Disziplin, die Epigenetik, beschert haben. Die Umwelt, lehrt die Epigenetik, verändert zwar nicht die Gene selbst, aber sie kann auf ihre Funktion einwirken. Diese Einsichten erlauben es Journalisten, von einem Sieg über die Gene zu sprechen. Wir selbst können sie steuern.

Gene sind kein Schicksal, so heißt das gerade erschienene Buch des Journalisten Jörg Blech, der sich lustig darüber macht, was den Genen alles zugemutet wurde. So wollte man Gene gefunden haben für Herzinfarkt, Schlummersucht, Schweißgeruch, Treue, Starrsinn, schlechtes Autofahren und unruhige Beine, und diese Liste kann fortsetzen, wer Zeitung liest: Die Fußballer des FC Bayern tragen ein Siegergen mit sich herum, wie selbst Ersatzspieler zu berichten wissen, und der Mitstreiter von Kommissar Derrick konnte seinem Chef nicht nachfolgen, weil er mit einem Assistentengen ausgestattet war, wie die FAZ notierte.

Eine Kurzformel für Fachleute wurde zur "Macht der Gene"

Die Sprechweise, es gebe "Gene für…", ist mit dem Begriff selbst in die Welt gekommen. Der Schöpfer des so populären Gens – der dänische Biologe Wilhelm Johannsen – wollte 1909 ausdrücken, dass es vererbliche Eigenschaften von Organismen gibt, und die dafür zuständigen Erbanlagen mit einem einfachen und kurzen Wort benennen – eben als Gene. Johannsen wollte "Gen der Eigenschaft" sagen können, statt umständlichere Phrasen verwenden zu müssen.

Was als knappe Kurzformel für den Fachdialog unter Kollegen gedacht war, hat im Laufe des späten 20. Jahrhunderts unerwartet den Gang in die Öffentlichkeit angetreten und uns das unausrottbare "Gene für etwas"-Syndrom beschert. Gründe für den ungebremsten Einsatz der "Für-Wendung" liegen in der menschlichen Neigung, zu vereinfachen und Kausalität zu verdinglichen, um auf sie zugreifen zu können.

Deshalb war nicht zu erwarten, dass sich die epigenetischen Raffinessen gleich in der Debatte über Gene niederschlagen und Vorsicht bei der Einschätzung ihrer Fähigkeiten einkehrt. Noch scheint sich zum Beispiel nicht herumgesprochen zu haben, dass Intelligenz nicht geliefert wird und dass sie formbar ist. Stattdessen hören wir von einem bald ehemaligen Bundesbanker etwas anderes. Es sei unbestreitbar, "dass Intelligenz zu fünfzig bis achtzig Prozent erblich ist".

So Thilo Sarrazin in der FAZ und in seinen öffentlichen Auftritten, und schon ist die Macht der Gene wieder hergestellt, an die offenbar alle Zuhörer vor allem dann glauben, wenn sie damit entlastet werden. Sie lassen sich daher auch einreden, dass es sie doch geben muss, die Gene für die Intelligenz, die man unbequemen Menschen dann für Generationen abspricht. Sarrazin und seinen Mitstreitern zufolge gibt es sogar noch mehr Gene für etwas, das sie sich wünschen, zum Beispiel für das Jüdische.

Als das aus dem Griechischen abgeleitete Gen in die wissenschaftliche Welt eingeführt wurde, gab es die zwei Begriffe schon, die wir heute von ihm abgeleitet denken – genetisch und Genetik. Der Name für die Wissenschaft von der Erkundung der Vererbung wurde 1906 vorgeschlagen, und das Attribut genetisch ist sogar viel älter. Es stammt aus dem 18. Jahrhundert und findet sich zum Beispiel bei Goethe. Das Wort meint bei ihm viel mehr als "von Kausalfaktoren bedingt" oder bestimmt. Goethe begründet damit "die Notwendigkeit der genetischen Methode für alle Naturwissenschaft", also die Aufgabe, das Bilden und Formen einer Gestalt aus einem Grundplan heraus zu verstehen.