Filme, in denen man sehr viel nackte Haut von George Clooney zu sehen bekommt, können nicht ganz schlecht sein. The American, der zweite Film des großen Popfotografen Anton Corbijn, ist denn auch zu zwei Dritteln ziemlich gut. George Clooney ist beneidenswert fettlos athletisch, der ganze Körper eine Waffe, attraktiv und gefährlich zugleich. Das trägt schon eine ganze Weile. Das letzte Drittel des Films ist dann aber teilweise so schlecht, dass es wehtut.

Dass dieser Film am Ende nicht aufgeht, schmerzt auch, weil Clooney die schöne Violante Placido an die Seite gestellt ist. Auch sie kommt über weite Strecken des Films ohne viel Kleidung aus. Wie selbstverständlich Placido die von der Story geforderte Nacktheit trägt, ist verblüffend. Der Fotograf Corbijn ist verständlicherweise begeistert von diesem Model. Er verliert dabei aber leider den Plot aus den Augen. Was als unterkühlter, stilisierter Thriller im Stil von Melvilles Samurai beginnt, endet in einem Reigen dummer Klischees über einsame Männer und die Tödlichkeit von Gefühlen. Dieser Film sieht über weite Strecken viel intelligenter aus, als er ist.

Clooney ist Jack, ein Auftragskiller. Zuerst begegnen wir ihm in Schweden, in einer verlassenen und verschneiten Gegend. Eine halbe Ewigkeit streicht die Kamera über die gefrorene Landschaft und schließlich, in der einsamen Hütte, über die nackten Körper Jacks und seiner Freundin. Die beiden, merken wir bald, werden verfolgt. Doch Jack erledigt die Angreifer mit professioneller Ruhe, und wenige Momente später hat er dann auch schon seine Freundin erschossen. Keine Zeugen bitte – das ist nichts Persönliches.

Wir ahnen: Dieser Mann schleppt ein oder zwei Geheimnisse mit sich herum. Corbijn hat eine trockene, kalte Art, unser Interesse an seinem Helden zu erwecken. Dies ist kein gewöhnlicher Actionfilm; er ist leise, nur hier und da durchbricht jähes Drama die Stille wie ein Schuss im Wald.

Jack will raus aus seinem Leben. Er zieht sich zurück in die Abruzzen. Vielleicht hätte er die Amtsmüdigkeit nicht seinem Auftragsvermittler mitteilen sollen, der ihn in ein Bergdorf lotst, in dem er untertauchen soll. Dort, in der kargen Felswelt, scheint Jack zunächst zur Ruhe zu kommen. Die Spannung entsteht daraus, dass wir schon wissen: Das kann nicht lange gut gehen. Jeden der Dörfler, die dem Fremden neugierige Fragen stellen, sehen wir bald mit Jacks paranoidem Blick. Das Dorf wird zur Chiffre für die Unentrinnbarkeit des Alltags, für die Unmöglichkeit, sich neu zu erfinden. Und damit ist The American ein sehr europäischer Film: Er negiert die Möglichkeit des "neuen Lebens" und der "zweiten Chance", die im Kern des amerikanischen Versprechens stehen. Dieser Amerikaner hier wird sich in dem Labyrinth des Abruzzendorfes mit seinen verwinkelten Gassen nicht von seinem alten Leben befreien können. Es gibt kein neues Leben im alten. Das alte, sündhafte Leben klebt an Jack, mag er auch die DNA-Spuren abgewaschen haben. Wir wissen bloß nicht, wie und wann es den Ausreißer einholen wird – und daraus entsteht hier der Suspense.

Dann taucht eine rätselhafte Kundin auf, die bei Jack ein Gewehr in Spezialausführung bestellt. Offenbar will Mathilde (Thekla Reuten) ein Attentat verüben. Doch auf wen bloß will diese atemberaubende Schönheit schießen? Ein Hauch von tarantinoschem Trash weht plötzlich durch den Film. Aber Anton Corbijn nimmt den Plot bitter ernst und zeigt uns Clooney ausführlich beim Feilen, Bohren und Schrauben einer Waffe, die sich – wir ahnen es schon – bald gegen ihn selbst richten wird.

Clooney ist virtuos darin, im Wortsinn asoziale Männlichkeit zu spielen. In dem Film Up in the Air war er der smarte Businessmann, der Mitarbeiter auf so nette Art rausschmeißen konnte, dass diese sich auch noch dafür bedanken wollten. Diesmal gibt er den in sich selbst eingeschlossenen Einzelgänger, der Beziehungen notfalls durch eine Kugel beenden muss, weil Liebe nun mal nicht zu seinem beruflichen Anforderungsprofil passt. Zwei Formen missglückter Männlichkeit, die danach schreien, endlich erlöst zu werden. Und da gerät dieser Film aus dem Gleis.  

Jack geht zu einer Prostituierten. Zunächst gegen Jacks Willen entsteht eine Beziehung. Der raue Realismus des Films bis zu diesem Punkt weicht einer Romanze des einsamen Helden mit der Hure, die das Herz (und noch manches andere) auf dem rechten Fleck trägt. Und siehe da, nicht nur Jack verliebt sich, auch Carla möchte nicht länger leichtes Mädchen sein. Welche Frau würde nicht nach dem dritten oder vierten Nespresso George Clooney verfallen? Carla kommt zudem auch noch in den Genuss selbstloser Liebesdienste, die normalerweise keine Hure, auch nicht die mit einem Herzen aus Gold, an sich vollziehen lassen würde. Anton Corbijn filmt Carlas Vergnügen daran mit so viel eigenem Pläsier, dass ihm dabei der Thriller zur erotischen Schmonzette gerät. Schade. Seiner schönen Mörderin kann Jack zwar noch entfliehen, doch die Liebe zur schönen Hure streckt ihn schließlich nieder. Und leider am Ende auch den wohlwollendsten Zuschauer.