Werner Langen ist ein mächtiger Mann, aber er hat ein Problem. Er ist Politiker in Brüssel. Seine Wähler in Deutschland hören dem CDU-Europaparlamentarier aus Müden an der Mosel meist erst zu, wenn er provoziert. Also fordert er am 8. Dezember 2009 per Pressemitteilung: "Finanzmarkt wird sich gesundschrumpfen müssen."

Der Vorsitzende der CDU/CSU-Gruppe im EU-Parlament hält das für unumgänglich, um einen künftigen Zusammenbruch des Finanzsektors und der Weltwirtschaft zu verhindern. Schrumpfen soll vor allem der Handel mit Derivaten, jenen hochkomplexen Finanzprodukten, die die Finanzbranche an den Rand des Ruins brachten. Langen schrieb nicht nur Pressemeldungen, sondern auch einen Initiativbericht für das Europaparlament. In dieser Woche rückt sein Ziel näher. Der französische Binnenmarktkommissar Michel Barnier verkündete am Mittwoch ein Gesetzesvorhaben der Kommission, das den Derivatemarkt beschränken soll.

Was Barnier nicht erzählt hat: Noch ehe der Entwurf in die politische Debatte geht, haben Lobbyisten erfolgreich Einfluss ausgeübt . Überraschend dabei: Der größte Aufschrei kam diesmal nicht aus der Finanzbranche, sondern von Industrieunternehmen. Gerade deutsche Großkonzerne machten in Brüssel Stimmung gegen ein zu scharfes Gesetz. Unternehmen wie die Lufthansa nutzen Derivate zur Risikostreuung – etwa um sich gegen Schwankungen beim Kerosinpreis abzusichern. Dieses klassische Derivategeschäft macht gerade noch ein paar Prozent des Gesamtmarktes aus, aber es funktioniert ungeregelt schnell und vor allem günstig. Die Konzerne wollen, dass das so bleibt.

Langen hält die Intervention der Industrie für vernünftig, er hat sie prompt in seinen Bericht übernommen. Deutsche Lobbyisten wie Roland Kern von der Lufthansa haben monatelang darauf hingewirkt, auch bei der EU-Kommission. Dort hofft die zuständige EU-Beamtin Paulina Dejmek nun "Unternehmen nicht über Maß zu belasten".

Ein Politiker, ein Lobbyist und eine Beamtin. Ihr Handeln zeigt exemplarisch, was Regulierung so schwierig macht und warum es kaum gelingen kann , die nächste Blase per Gesetz zu verhindern.

Sobald die Industrievertreter von Langens Vorstoß Wind bekamen, waren sie häufig Gast der Members Bar im EU-Parlament. Der Volkswagen-Vertreter redete auf Langen ein, weil sich der Autokonzern mit Derivaten gegen den Wechselkurs absichert. Der Lufthansa-Lobbyist klagte, der Handel mit Kerosin würde ohne Derivate künftig unkalkulierbar. Zumal die Unternehmen ihre Geschäfte mit zusätzlichem Eigenkapital absichern müssten, wenn die Derivate nicht mehr direkt zwischen zwei Handelspartnern abgewickelt würden, sondern über eine zentrale Stelle. Langen nahm die Sorgen in seinen Bericht auf, den das Europaparlament am 15. Juni 2010 mit großer Mehrheit verabschiedete. Jetzt wartet er auf den Beschluss der EU-Kommission.

Als die Beamtin Dejmek im Februar in das Kabinett des neuen Binnenmarktkommissars Barnier berufen wurde, bekam sie den Aufgabenbereich Finanzmarktregulierung zugeteilt. Gut sieben Monate später sitzt sie in ihrem Büro und verteidigt den über 60 Seiten langen Gesetzesvorschlag, an dem sie so fieberhaft mitgearbeitet hat. Seit im Sommer 2009 klar war, dass der Derivatemarkt gezähmt werden soll, durften Unternehmen zweimal ihre Bedenken formulieren. Aus der Auswertung von über 200 schriftlichen Einsprüchen suchten Dejmek und ihre Kollegen nach dem "besten politischen und praktischen Gleichgewicht". Und sie gibt zu: "Es stimmt, dass wir nicht die technische Expertise für jeden Einzelfall haben können. Deswegen lassen wir uns so gut wie möglich beraten." Verbraucherschützer kritisieren seit Jahren, dass vor allem Banken in den Expertengremien der EU-Kommission die Gesetzesmacher beeinflussen.