ZEITmagazin: Lieber Herr Schmidt, ich kann mich kaum an eine heftigere Debatte erinnern als diese jetzt über Sarrazins Buch. Wie lässt sich das erklären?

Helmut Schmidt: Es lässt sich dadurch erklären, dass Sie relativ jung sind. Wenn Sie zum Beispiel 85 Jahre alt oder 91 so wie ich wären, dann würden Sie sich an heftige öffentliche Auseinandersetzungen und Debatten erinnern, zum Beispiel über die atomare Bewaffnung der Bundeswehr in den Fünfzigern. Oder über die damals sogenannte neue Ostpolitik in den Siebzigern. Oder später über den Nato-Doppelbeschluss.

ZEITmagazin: Das waren ja aber Grundsatzfragen der Politik. Hier hat sich eine politisch marginale Figur in einem Buch mit zum Teil abenteuerlichen Thesen an die Öffentlichkeit gewagt. Und es gibt dieses Riesenecho.

Schmidt: Die Debatten früher waren jedenfalls nicht an eine einzelne Person geknüpft. Erst später, beim Nato-Doppelbeschluss, konzentrierte es sich dann zum Teil auf die Person Schmidt und später auf die Person Kohl.

ZEITmagazin: Welchen Nerv hat Thilo Sarrazin getroffen?

Schmidt: Offenbar mehrere gleichzeitig. Einige davon sind Nerven einer bestimmten Gruppe von Leuten. Zum Beispiel gibt es unter den jüdischen Mitbürgern einige, die sich getroffen fühlen von einer nebenher gemachten Bemerkung über die jüdischen Gene. Aber das allgemeine Interesse hat mindestens zwei Wurzeln. Erstens: Die Sachverhalte, die er beschreibt, von denen er ausgeht und für deren Therapie er Vorschläge macht und aus denen er Schlussfolgerungen zieht, die werden von vielen Leuten in Deutschland ähnlich gesehen.

ZEITmagazin: Sie meinen die Defizite der Integration.

Schmidt: Ja; nicht alle seine sonstigen Äußerungen werden geteilt. Und das Zweite ist: Seine sonstigen Äußerungen haben viele Leute provoziert, vor allen Dingen die Presse und die politische Klasse. Die haben zunächst eine ziemlich konzentrische Verachtungs- und Verurteilungsattitüde entfaltet, bis sie gemerkt haben – die Journalisten zuerst –, dass wesentliche Teile des Publikums ganz anders denken. Und dann wurden sie nachdenklich. Es kommt ein Drittes hinzu: Dass seine Partei, der er 30 oder 40 Jahre angehört, die Sozialdemokraten, mit dem Gedanken umgeht, ihn aus der Partei rauszuschmeißen. Das finden viele Leute nicht in Ordnung.

ZEITmagazin: Und Sie?

Schmidt: Ich finde es auch nicht in Ordnung.

ZEITmagazin: Warum nicht?

Schmidt: Man muss erst einmal zuhören und fragen und reden. Wir haben früher alle möglichen abweichenden Mitglieder der sozialdemokratischen Partei auch nicht als Erstes mit einem Ausschlussverfahren bedroht. Wir haben sie ertragen. Was über die SPD hinaus von Bedeutung ist, ist der Umstand, dass die Freiheit, die Meinung laut und öffentlich zu sagen, im Falle Sarrazin als gefährdet erscheint. Sie ist in Wirklichkeit nicht gefährdet. Aber wenn da jemand etwas gesagt hat, was mir nicht passt, dass ich dem dann gleich sage, ich gebe dir nicht mehr die Hand, ich will dich nicht mehr sehen – das erscheint als eine Verachtung der Meinung, die jemand anders geäußert hat. Das Grundgesetz erlaubt gute, aber auch falsche Politik. Die im Artikel 5 garantierte Meinungsfreiheit gilt nicht nur für richtige, sondern ebenso für falsche Meinungen. Dass der als sozialdemokratischer Finanzsenator sehr erfolgreiche Sarrazin provokante Äußerungen tut, daran gibt es allerdings keinen Zweifel, und ich hätte ihm, wenn er mich gefragt hätte, zur Mäßigung geraten.

ZEITmagazin: Können Sie denn die Empörung vieler Menschen verstehen, wenn jemand wieder versucht, genetisch zu argumentieren?

Schmidt: Das ist eine der Schwächen nicht nur seiner Argumentation, sondern auch seiner Gedankenführung. Die Vermischung von Vererbung – einem genetischen Vorgang – mit kulturellen Traditionen, die er vornimmt, diese Vermischung halte ich für einen Irrtum. Es sind nicht ursächlich ihre Gene, die jene Leute aus asiatischen Ländern nach Deutschland mitbringen, welche sich schwer integrieren lassen und sich zum Teil auch gar nicht richtig integrieren möchten. Aber sie bringen kulturelle Traditionen mit, Traditionen des Benehmens, der moralischen Überzeugung, es sind Verhaltensnormen, die durch Vorbild, Beispiel, Schule, Elternhaus und Freundschaften tradiert werden.