Steinbrück: Welcher Idiot verliert schon gern? Mein Bruder war ein Regattafreak, der wollte auch nichts anderes als gewinnen. Und wenn ich mit ihm Karten spiele, dann will er auch gewinnen.

ZEIT: Während der Finanzkrise, als der Staat mit den Banken rang, konnte man den Eindruck haben, der Staat habe gewonnen.

Steinbrück: Gemessen an den Notwendigkeiten ist zu wenig geschehen. Das ist die Portion Selbstkritik, die die Politik haben muss. Meine Befürchtung ist: Wenn diese Krise überwunden ist – ich würde nicht behaupten, dass sie überwunden ist –, fallen die Verantwortlichen in ihr altes Verhalten zurück.

ZEIT: Woran machen Sie das fest?

Steinbrück: An den Universitäten, den Business und Law Schools sowie in der Finanzindustrie selbst wird eine Generation sehr tougher Frauen und Männer ausgebildet, die sich in einem anderen Koordinatensystem bewegt als der Rest der Gesellschaft. Gelegentlich ist mir durch den Kopf gegangen, ob diese besondere Welt von Banken und Finanzen mit den daran hängenden Berufen nicht zu einer Fehlallokation von Begabungen führt. Das klingt kompliziert und ökonomistisch, deshalb will ich das erläutern. Der Finanzsektor ist durch extrem hohe Bezahlungen schon beim Einstiegsgehalt sehr attraktiv. Statistisch zeichnet sich insbesondere in den USA und Großbritannien ab, dass der Anteil derjenigen, die Natur- oder Ingenieurwissenschaften studieren, deutlich unterproportional gegenüber dem ist, was die Industrie an Qualifikationen braucht. Wie bei einem Staubsauger zieht der Finanzsektor personelle Ressourcen an, wobei man lange darüber streiten kann, ob er überhaupt reale Werte erwirtschaftet.

ZEIT: Sie mussten die Banken retten und müssen jetzt mit ansehen, wie Teile der Branche schon wieder weitermachen wie bisher. Wie hilflos waren die Helfer?

Steinbrück: Im Amt war ich nicht hilflos. Ich habe das Finanzmarktstabilisierungsgesetz zustande gebracht, genauso wie eine gesetzliche Regelung zur Auslagerung problematischer Aktiva aus den Bankbilanzen, und ein Gesetz, an dessen Ende die Verstaatlichung einer Bank stand, die dringend stabilisiert werden musste. Mal ganz abgesehen davon, was international verabredet wurde.

ZEIT: In Ihrem Buch sprechen Sie dennoch von der "strukturellen Verspätung von Politik". Wann haben Sie die selbst bemerkt?

Steinbrück: Schon bei der Auseinandersetzung mit der Agenda 2010 innerhalb der SPD. Einige haben sich drei, vier kritische Punkte herausgesucht und damit das ganze Reformwerk diskreditiert. Die SPD hat sich diese Agenda 2010 nicht selbst erklärt, und sie hat nie dazu gestanden. Sie wollte in weiten Teilen und insbesondere im Gewerkschaftsflügel zurück in die Zeit vor der Agenda 2010, eigentlich sogar zurück in die Zeit vor 1998.

ZEIT: Wozu dient das Nach-hinten-Gewandte?

Steinbrück: Die Anpassung an sich ändernde Realitäten stellt einen bisher parteiverträglichen Kodex infrage. Das mögen leidenschaftliche Parteigänger gar nicht. Die Agenda 2010 war richtig und notwendig, aber sie hat den Reformbegriff innerhalb der SPD verdächtig gemacht.

ZEIT: Nun bedeutet Politik ja immer Reformen, sprich: Veränderungen. Was sagt das eigentlich über die SPD aus?

Steinbrück: Dass es sehr schwer sein wird, in der SPD eine Agenda 2020 zu entwickeln.

ZEIT: Das heißt: Die SPD ist nicht zukunftsfähig.

Steinbrück: Genau darum ringen wir. Ich sehe mit Skepsis, dass sich die SPD über die Wahlniederlage 2009 sehr stark in die Arme der Gewerkschaftsbewegung begibt. Ich sage ja nicht, dass die SPD in eine Distanzierung zu diesem Teil ihrer Geschichte geraten soll. Aber in den öffentlichen Einlassungen der letzten Wochen redet die SPD vornehmlich über Rentner und Transferempfänger – also Rente mit 67 und Hartz IV –, aber viel zu wenig über die Generation der 20- bis 40-Jährigen, Existenzgründer, Kreative und disponible Beschäftigte, gut ausgebildete Frauen oder Mittelständler. Wenn ich mit Jüngeren rede, höre ich: Wo komme ich eigentlich in der Politik der SPD vor? Ich bin ehrgeizig. Ich will etwas werden. Ich bin kein sozialer Ignorant, der nur an sich denkt. Ihr könnt mich nicht zur Melkkuh des Sozialsystems machen. Diejenigen, die Solidarität empfangen, werden immer mehr gegenüber denjenigen, die Solidarbeiträge leisten. Das kommt bei der SPD zu wenig vor. Das muss repräsentiert werden. Auch durch Personen.

ZEIT: Jetzt werben Sie für sich.

Steinbrück: Ich bin aus dem Spiel.

Das Gespräch führten Marc Brost und Matthias Geis