In einer Anekdote von Heiner Müller geht es um drei New Yorker Pizzabäcker, die in derselben Straße um Kundschaft kämpfen. Am Montag erfindet der erste diesen Werbespruch: Wir haben die beste Pizza in ganz New York. Am Dienstag hält der zweite dagegen: Wir haben die beste Pizza in ganz Amerika. Eine Woche später meldet der dritte: Wir haben die beste Pizza in der ganzen Straße.

Wenn man diese Geschichte auf die Künste überträgt, so lässt sich sagen, dass es nur eine Kunstform gibt, welche sich mit dem dritten, dem klügsten Pizzabäcker vergleichen dürfte: das Theater. Denn die anderen, die Film- und Fernsehleute, auch die Romanschriftsteller und bildenden Künstler, haben nicht die eigene Straße im Blick, sondern die ganze Welt: Dort suchen sie ihre Kundschaft. Das Theater ist unter all diesen Großmeistern die letzte lokale Erzählinstanz, es spielt für seinen Ort und lebt von ihm.

Eine Saison im Zeichen von Kleist und Kluge, Strauß und Schimmelpfennig

Wenn wir das Saisonheft des Schauspiels Köln durchblättern, sehen wir das Kölner Ensemble in lauter offenbar kölntypischen Situationen: bei der Übergabe von geheimen Dokumenten, beim Verbrennen von Steuergeld, beim Erspüren von Wasseradern in einem U-Bahn-Schacht, beim Versenken einer Leiche im Beton, beim Versuch, sich einer Schuld, vermutlich einer Bausünde, durch Suizid zu entziehen. Es sind Szenen, die im Untergrund spielen, in Schächten, Baugruben, Abgründen. Wir sehen, was die Kölner Schauspieler sein wollen: eine subversive Eingreif- und Sabotagetruppe im kölschen Gesamtpfusch.

Das Schauspiel Köln ist von der Kritikerjury des Fachblatts Theater heute zum "Theater des Jahres 2010" gewählt worden, und Karin Beier, die Intendantin, erklärt im Programmheft, was sie vorhat:

"Eine der schönsten und populärsten Legenden unserer Stadt erzählt vom Dombaumeister Gerhard von Ryle, der in Köln die mächtigste und prächtigste Kathedrale der Welt errichten will und dabei vom Teufel versucht wird. Es gibt variierende Berichte über diese Teufelswette: Immer enden sie damit, dass der Teufel gewinnt und der Baumeister vom Baugerüst zu Tode stürzt. Die Lücke, die der Teufel lässt, so ein Buchtitel von Alexander Kluge, könnte auch über den Geschichten stehen, die wir Ihnen in der Spielzeit 2010/11 erzählen. Wobei es uns nicht um die Präsenz des Leibhaftigen, sondern um die teuflischen Lücken in den menschlichen Werken geht."

Schon die Kölner Auftaktpremiere, ein Abend mit drei Elfriede-Jelinek-Stücken, darunter zwei Uraufführungen, ist ein wahres Fest der Großlücken, denn es geht unter anderem, in der Höhe, um das Gletscherbahnunglück von Kaprun und, unter der Erde, um eine Katastrophe, die auf Pfusch auf einer U-Bahn-Baustelle zurückzuführen ist – ab 29. Oktober.

Einen Tag später wird dann gezeigt, wie man sich als Einzelner in den Lücken behaupten kann, welche der Teufel in den Städten lässt. Dann wird in Köln der Roman für eine Stadt der Autorin Gesine Danckwart uraufgeführt, und zwar an der Krefelder Straße. Die Zuschauer dürfen, auf den Fersen der Schauspieler, durch fremde Wohnungen wandern und sich über Audiogeräte fremde Lebensgeschichten herunterladen. Wozu der Aufwand? Es geht um die Suche nach "aus dem Alltag geborenen Utopien".