Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Seit einiger Zeit laufen Werbespots fürs Lottospielen im Radio. Am Ende des Werbespots sagt eine rauchige Frauenstimme: "Glücksspiel kann süchtig machen." Sie spricht es "süchtich" aus, es klingt eigentlich eher verführerisch als warnend. Alles, was Spaß macht, kann auch süchtig machen, ist diese Tatsache eigentlich bekannt? Wer gerne isst, kann esssüchtig werden und erwacht eines Morgens als 200-Kilo-Mensch. Angeblich gibt es auch Computersüchtige und Sexsüchtige. Warum steht noch keine Warnung auf den Bildschirmen und den Kühlschränken, warum müssen sich sexuell attraktive Menschen keine Warnung – Sex mit mir kann süchtig machen – auf einschlägige Körperstellen tätowieren lassen?

Ich habe nichts Grundsätzliches gegen Fürsorge, aber man kann es auch übertreiben. Allmählich habe ich das Gefühl, vom Staat wie ein Kleinkind behandelt zu werden, und das macht mich wütend. Dass es keine vernünftige Idee ist, wöchentlich 1000 Euro fürs Lottospielen auszugeben, weiß ich auch so. Ich kann übrigens auch schon alleine über die Straße und alleine Pipi machen. Wer so beschränkt ist, dass er 1000 Euro in der Woche beim Lotto verzockt, der kapiert auch die Warnung im Radio nicht, oder er ist so schräg drauf, dass ihm sowieso alles egal ist, inklusive der rauchigen Frauenstimme. Die Warnung ist vollkommen sinnlos. Sie sagt lediglich: "Big Brother is watching you." Wobei der große Bruder natürlich wahnsinnig nett ist und sich lediglich Sorgen um mich macht, ähnlich wie die Krankenschwester in Einer flog über das Kuckucksnest. Kennen Sie den Film?

Ich weiß genau, was jetzt passiert. Ich kriege empörte Mails von einem halben Dutzend Organisationen und von Leuten, die schreiben, dass sie spielsüchtig waren, ich bin der große Verharmloser. Darum geht es doch gar nicht. Leute ruinieren sich am Spieltisch, diese Tatsache ist mir bekannt, andere stürzen beim Bergsteigen ab, und wieder andere ertrinken in der Badewanne. Das Leben steckt voller Risiken. Man muss immer schön aufpassen. Und trotzdem, auch wenn man noch so sehr aufpasst, klopft unversehens der Sensenmann ans Türchen. Was dann? Klebt ihm einen Warnaufkleber auf seine Sense: Sterben kann tödlich sein. Vielleicht hilft es.

Wenn sich einer beim Glücksspiel ruiniert, dann ist weder die Lottogesellschaft daran schuld noch der Staat, sondern er selber. Es gab eine Versuchung, er war der Versuchung nicht gewachsen, die meisten anderen sind es. Dies liegt in der Natur der Versuchung, nicht jeder ist ihr gewachsen. So ist das eben in der Freiheit, der Fuchs kann dich fressen, und wenn du diesen Gedanken nicht erträgst, dann lass dich halt in den Stall sperren, so lange, bis sie dich schlachten. Nein – der Stall ist ein falsches Bild.

Die Warnaufkleber sind ein Symptom für eine Gesellschaft, die wie ein Sanatorium funktioniert, wir alle, auch wenn wir erst zwanzig sind, leben längst in einem gigantischen Altersheim. Wir sind an einen Rollator festgekettet, wir werden regelmäßig mit Breichen gefüttert, obwohl wir noch Zähne haben. Wir sind versorgt, die Verantwortung für den ganzen Rest wird uns abgenommen. Aufregung schadet uns nur.

Meine Lieblingsszene der Filmgeschichte stammt aus Einer flog über das Kuckucksnest, dem bereits erwähnten Film, der in einer Anstalt spielt. Einer der Insassen, ein riesiger Indianer, reißt das Waschbecken aus dem Boden, wirft es durchs Fenster und geht einfach weg. Glücksspiel kann süchtig machen! Steckt es euch doch… na, ihr wisst schon, wohin.