Selbst die Bundeskanzlerin kann das Schlangenwort kaum aussprechen. Den " Millen-niumsentwick-lungs-ziel-gipfel " habe sie vorbereitet, haspelte Angela Merkel vor den Journalisten. Bei Kohlrouladen und Rübchen hatte sie kurz zuvor mit ihren Berlin-Besuchern, dem ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan und Weltbank-Vizechefin Ngozi Okonjo-Iweala sowie ein paar Dritte-Welt-Aktivisten, über den Hunger in der Welt geredet. "Es geht nicht allein um das Geld", stellte sie dann klar.

Tatsächlich steht auf dem Gipfel in New York nächste Woche viel mehr auf dem Spiel. Zwar wird da auch über Finanzen geredet. Doch vor allem müssen die Staats- und Regierungschefs der Welt Rechenschaft gegenüber den Armen ablegen. Vor genau zehn Jahren hatten Erstere nämlich am gleichen Ort feierlich "das wichtigste Versprechen" besiegelt, "das den verletzlichsten Bevölkerungsgruppen der Welt je gegeben wurde", so UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Wir werden die Armut drastisch verringern, versprachen die Politiker damals. Durch die gemeinsame Anstrengung aller Nationen würde die Zahl der Hungernden halbiert. Weniger Kinder sollten sterben, mehr zur Schule gehen. Mehr Mütter würden die Geburt ihrer Babys überleben. Bis zum Jahr 2015, so die Abmachung, würden acht solcher Millenniumsziele (MDGs) erreicht – und weltweit viel Elend gelindert. Fünf Jahre vor dem Zieldatum will die Menschheit nun von den Regierungschefs wissen: Was habt Ihr geschafft? Wo müsst Ihr euch noch mehr anstrengen? Sind die Ziele und Mittel noch die richtigen?

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Von den Antworten hängt viel ab. Sie werden zugleich über die Zukunft der Vereinten Nationen entscheiden, damit auch über den Wert multilateraler Zusammenarbeit und kollektiver, politischer Versprechen. Den UN droht die Bedeutungslosigkeit, da wichtige Themen häufig zunächst in der Gruppe der G20 besprochen werden. In diesem Kreis sind die großen Industrie- und Schwellenländer unter sich. Die ganz Armen können ihnen da kaum dazwischenfunken. Zudem zweifeln viele Regierungen an der Wirksamkeit der UN-Politik und fragen: Sind private Spender, bilaterale Hilfe und kommerzielle Geldflüsse nicht effizienter?

Mit den Milliardenhilfen wurden Menschen geheilt und gesättigt

Das Positive zuerst: UN-Hilfsprojekte verändern die Welt, trotz alledem. Mit den Milliarden-Hilfsgeldern, die durch die öffentlichkeitswirksamen MDG-Versprechen seit zehn Jahren mobilisiert werden, wurden Menschen gerettet, geheilt und gesättigt. Die Hilfe kommt bei den Armen an – wenn der Norden die richtigen Programme finanziert und der Süden die richtige Politik macht. So lernen mehr Kinder denn je lesen und schreiben: Zwischen 1999 und 2007 sank die Zahl derjenigen, die nicht zur Schule gehen, weltweit um 33 Millionen auf 72 Millionen. Auch bei der Gesundheitsversorgung hat sich manches verbessert (siehe Wissen, Seiten 42 und 43). Und viel mehr Menschen haben Zugang zu sauberem Wasser als noch vor zehn Jahren. Damals musste jeder fünfte Erdbewohner aus verschmutzten Quellen trinken. Bis 2015 soll es noch jeder zehnte sein. David Lane, der einst Wirtschaftsberater im Weißen Haus war und jetzt die Entwicklungsorganisation One leitet, folgert: "Armut kann abgebaut werden. Entwicklung ist machbar. Aber Geschichten mit Happy End brauchen Zeit – und Geld."

Grund zum Jubeln gibt es dennoch wenig. Der bitterste Rückschlag: Trotz aller Hilfe hat fast eine Milliarde Menschen nicht genug zu essen – deutlich mehr als vor zehn Jahren. Dabei war den Hunger zu vertreiben eines der wichtigsten Anliegen der Millenniumskampagne. Überdies werden immer mehr Länder wie jüngst Pakistan von Naturkatastrophen heimgesucht. Eine intakte Umwelt für die Armen? Auch bei diesem Ziel muss die Weltgemeinschaft ihr Scheitern eingestehen. Die Sterblichkeitsrate bei Müttern bis 2015 um drei Viertel zu senken wird ebenfalls nicht gelingen. Und es sterben weiterhin viel zu viele Kinder.

Die Bilanz ist also gemischt. Dirk Messner vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) erklärt das so: Fortschritte hingen oft nicht nur von der Hilfe, sondern auch von den politischen Rahmenbedingungen in den einzelnen Ländern ab. So hätten allen voran Indien und China durch ihre Wirtschaftspolitik Millionen von Menschen aus dem Elend geholt. Wo hingegen Gewalt, Korruption und Krieg herrschten, wo Umweltkatastrophen oder gestiegene Preise für Nahrungsmittel die Lage noch verschlimmerten und Regierungen ihre Arbeit oft gar nicht mehr leisteten, da brauche man über Entwicklung kaum noch zu reden. Mit derart verzweiflungswürdigen Ausgangsbedingungen müssten die Menschen in den meisten jener 30 Länder ringen, in denen sich bei den Millenniumszielen nichts getan hat. 24 dieser Länder liegen in Afrika südlich der Sahara. In Asien gehören die von Konflikten zerrissenen Staaten Afghanistan und Pakistan zu den ärmsten der Welt.

Der Norden lähmt den Süden durch Billigexporte seiner Agrarprodukte

Eveline Herfkens, die ehemalige niederländische Entwicklungsministerin, nennt eine weitere Ursache dafür, dass die Weltgemeinschaft ihren Versprechen hinterherhinkt: "Die mageren Erfolge werden von unserer Handels- und Agrarpolitik nach wie vor wieder ausgehebelt." Was die Industrieländer mit Entwicklungshilfe aufbauen, machen sie oft durch andere Entscheidungen wieder kaputt. Sie lähmen den Süden durch Billigexporte ihrer Agrarprodukte. Durch Handelsprotektionismus. Durch ihre Weigerung, die Finanzmärkte entschlossen zu regulieren. Dabei traf die Finanzkrise viele Länder im Süden ungleich härter als den Norden. Herfkens, einst UN-Millenniumsbeauftragte, meint: Es fehle dem Norden leider immer noch am Willen, Entwicklungspolitik wirklich ernst zu nehmen – und zu Hause damit zu beginnen.