Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Die wenigsten Besucher Dresdens kennen die Städtische Galerie, dabei liegt sie nur einige Fußminuten südlich der Brühlschen Terrasse, im Landhaus am Pirnaischen Platz, und bietet eine zwar lokale, doch ebenso hochkarätige Sammlung wie das staatliche Albertinum, das jüngst wiedereröffnet wurde.

Werke von der Reformationszeit bis zur Gegenwart gehören der Galerie, im Zentrum der Dauerausstellung steht jedoch die Entwicklungsgeschichte der Dresdner Malerei im 20. Jahrhundert. Und unmittelbar tritt er einem vor Augen: der klassische Konflikt zwischen Linie und Farbe. Vorherrschend war in Dresden lange Zeit ein pastoses, eher dunkles Kolorit, das mit Namen wie Robert Sterl, Theodor Rosenhauer oder A. R. Penck verbunden ist. Demgegenüber steht eine kleine, aber keineswegs unbedeutende Opposition, die jede demonstrativ-malerische Geste meidet und die vom Symbolismus eines Oskar Zwintscher über die Neue Sachlichkeit der Dix-Schüler bis hin zum Konstruktivismus eines Hermann Glöckner reicht. Bis in die Kunst der Gegenwart ist diese Spannung zwischen dem Linearen und dem Malerischen zu spüren.

Gleichwohl bietet das Museum nicht nur eine lehrreiche Schule des Sehens, sondern auch einsame Momente ästhetischer Erfüllung: Oskar Zwintschers Sommertag aus dem Jahr 1896 muss man einfach im Original gesehen haben! Dieses Idyll von abgründiger Erhabenheit versetzt den Betrachter unwillkürlich in einen doppelten Schwindel. Denn das schmale und mehr als zwei Meter hohe Gemälde lässt ihn von der sogenannten Bosel, einem Felsen bei Meißen, hinab ins Elbtal blicken und lenkt zugleich das Auge entlang schlanker Birkenstämme hinauf in einen tiefblauen Himmel, der am oberen Bildrand von einer sich in Auflösung begriffenen Schönwetterwolke bekrönt wird. Wie hier das jugendstilhafte Flächenornament der Komposition in schier unendliche Raumtiefe überführt wird, ist unerhört und nur an Ort und Stelle zu erfahren.

In den letzten zehn Jahren hat die Galerie auch zahlreiche qualitätsvolle Werke junger Dresdner Künstler erwerben können, von denen wegen der knappen Ausstellungsfläche derzeit allerdings nur wenige gezeigt werden. Doch muss man dankbar sein, dass es überhaupt eine dauerhafte Ausstellung gibt – schließlich existiert die Städtische Galerie in ihrer jetzigen Form erst seit fünf Jahren.

Die Ursprünge des Museums reichen hingegen ins 19. Jahrhundert zurück: Der 1869 gegründete Verein zur Geschichte und Topographie Dresdens und seiner Umgebung legte den Grundstock für den städtischen Kunstbesitz, der dann zunächst von den Städtischen Sammlungen verwaltet wurde. Paul Ferdinand Schmidt, Direktor der Sammlungen von 1919 bis 1924, konnte diesen durch eine kunsthistorisch fundierte und kunstkritisch geschulte Ankaufspolitik erstmals ein schärferes Profil verleihen. Er war es, der zahlreiche bedeutende Werke von Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Kokoschka und George Grosz für das Museum erwarb. In den späteren zwanziger Jahren kamen schließlich auch Werke von Paul Klee, Wassily Kandinsky und Lyonel Feininger hinzu. Die Städtische Galerie könnte demnach heute ein regelrechtes Pantheon des deutschen Expressionismus sein, wären nicht 498 Werke der Avantgarde durch die Nazi-Aktion "Entartete Kunst" zerstört und verschleudert worden.

Dennoch ist die Städtische Galerie heute kein imaginäres, sondern ein leibhaftiges und lebendiges Museum. Auch in politisch schwierigen Zeiten konnten wichtige zeitgenössische Werke erworben werden, und so verfügt die Galerie über einen beachtlichen Kunstbestand aus der DRR, dem in der ständigen Ausstellung auch gebührender Raum gewährt wird. Gerade hier erweist sie sich als geradezu notwendige Ergänzung zu den Neuen Meistern im Albertinum, wo der Dresdner Beitrag zur "Ostmoderne" verhältnismäßig schmal ausfällt. Auch verdankt die Galerie ihre vitale Existenz dem anhaltenden Engagement von Dresdner Kunstbegeisterten, die die Idee eines eigenständigen städtischen Kunstmuseums über Jahrzehnte aufrechterhalten haben. Im Jahre 2002 konnte schließlich die Städtische Galerie Dresden gegründet und mit Gisbert Porstmann ein Gründungsdirektor berufen werden, der seither neben der Aufarbeitung, Erweiterung und Präsentation der Bestände ein ambitioniertes Ausstellungsprogramm auf die Beine gestellt hat. In abgewogenem Wechsel zeigt das Haus sorgfältig kuratierte monografische Präsentationen zu Künstlern der Sammlung sowie thematische Ausstellungen mit überregionaler Ausrichtung, die ebenfalls die eigenen Bestände klug einbinden.