Als es bei Kommissar Kurt Wallander im Jahr 1991 erstmals jenseits der schwedischen Landesgrenze zur Sache ging, schlugen die Hunde von Riga an. Ihr Gebell galt einer korrupten Polizei und der Mafia, mit der es Henning Mankells Krimiheld zu tun bekam. Aber sie witterten auch den Pulverdampf, der aus den Wirrungen einer politischen Zeitenwende aufstieg: Das gesamte Baltikum stand kurz vor einem Vulkanausbruch, die Lettische Sozialistische Sovietrepublik hatte sich von der Sowjetunion losgesagt, alte Seilschaften versuchten dort, ihre Pfründen zu sichern, der Feind stand in Moskau und – unter dem Mantel der Kollaboration – im Lande selbst.

Lettland, seit 2004 Mitglied der Europäischen Union, war uns als Anrainer der Ostsee nie fern, geschweige denn fremd, doch über die kulturelle Entwicklung der Letten hinter dem Eisernen Vorhang wusste kaum jemand Bescheid. Nun, sie schlugen sich regelmäßig mit fremden Einflüssen herum (Polen, Schweden, Deutschland, Russland), wurden dabei fortwährend zwangsbestäubt, doch im Stillen bewahrte und pflegte das Land seine geistigen Schätze als ewiges Licht der Identifikation. Als Lettland im 19. Jahrhundert noch frei zugänglich war, war die Hauptstadt Riga als spiritueller Fluchtpunkt allemal attraktiv. Kleiner Blick ins Register der Geschichte: Zwischen 1837 und 1844 wirkte dort Richard Wagner als Kapellmeister, gaben Franz Liszt und Clara Schumann Klavierkonzerte.

Wer sich nach dem Zweiten Weltkrieg im geteilten Europa als lettischer Künstler dauerhaft nach dem Westen sehnte, warf das Knebelvisum fort, am besten in die Ostsee, und blieb gleich hier, wie der Geiger Gidon Kremer, der seiner Heimat schon im Jahr 1978 Adieu sagte. Seit 2004 kehrt er aber regelmäßig zurück und richtet in der Nähe von Riga wieder ein eigenes Festival aus. Die neue Freiheit hat einen ganzen Schwarm bedeutender Künstler aufsteigen lassen, Phönixe wie den Komponisten Pēteris Vasks, die phänomenal virtuose Orgel-Elfe Iveta Apkalna, die betörende Geigerin Baiba Skride, den leidenschaftlichen Pianisten Vestards Šimkus. Das sind nicht unbedingt Namen, die jedem Abonnenten auf der Zunge zergehen, aber unter Kennern genießen sie höchstes Ansehen.

Gesang ist hier mehr als nur Freizeitsport mit Stimmbändern

Sie alle werden jetzt nach Usedom kommen, wo das diesjährige Musikfestival vom 25. September bis 16. Oktober einen langen Hals nach Nordosten macht. Usedom ist von jeher der letzte deutsche Horchposten ins Baltikum, jetzt lässt es uns die lettischen Signale aus der Nähe belauschen. Die sind nicht fiepsig, sondern kraftvoll wie Jāzeps Vītols’ Chorhymnus Schloss des Lichts, der die Sehnsucht der Letten nach Freiheit der menschlichen Kehle anvertraute und im Eröffnungskonzert in Peenemünde erklingt. Oder sie sind tiefgründig-expressiv wie die Werke des großen Pēteris Vasks, etwa das geheimnisvolle 5. Streichquartett von 2004. Oder sie sind hymnisch wie die Toccata für Orgel über Allein Gott in der Höh sei Ehr von Aivars Kalējs.

Das Usedomer Musikfestival porträtiert Lettland klugerweise im Chor seiner Region. Die freundlichen Nachbarn aus Litauen und Estland kommen als Paten und Gratulanten, beispielsweise der großartige litauische Cellist David Geringas oder der bärenhaft erfahrene estnische Dirigent Neeme Järvi. Der übernimmt in diesem Jahr die Leitung des Baltic Youth Philharmonic Orchestra (BYP), das sein dirigierender Sohn Kristjan Järvi vor zwei Jahren als klingendes Hochbegabten-Fährschiff gegründet hat: In ihm spielen junge Musiker aus allen Ostseeländern (Norwegen wurde fürs BYP großzügig annektiert), damit ist es die geografisch und personell deutlich erweiterte Tochter von Gidon Kremers Kammerorchester Kremerata Baltica, in dem Musiker aus Litauen, Lettland und Estland spielen. Kremers hochvirtuose Spezialeinheit wird ebenso beim Usedomer Musikfestival gastieren wie der Lettische Rundfunkchor unter Sigvards Kļava, dessen Klangpracht sich auf vielen Konzertpodien Europas herumgesprochen hat.

Gesang ist in Lettland mehr als nur Freizeitsport mit Stimmbändern, nämlich das intensivste Mittel zur Bewahrung des nationalen Ichs, das sich trotz aller Verbote weder von den Nazis noch danach von den Sowjets unterdrücken ließ. Der Begriff der "Singenden Revolution" der drei baltischen Staaten zwischen 1987 und 1992 wurde zur Legende. Der gigantische Schatz an lettischen Volksliedern (1,2 Millionen Texte bei 30000 Melodien) wird auch in Usedom nicht ganz zu heben sein, dennoch wird der Bassbariton Egils Siliņš einen Liederabend mit einem Reigen lettischer Weisen beschließen. Wohin einen der Gesang, den ein Land kollektiv als emotionales Ausdrucksmittel pflegt, führen kann, wird der lettische Cantus-Chor demonstrieren – der war vor 30 Jahren noch ein sehr bescheidener Schulchor. Übrigens war es der große Johann Gottfried Herder, der während seines Riga-Aufenthalts von 1764 bis 1769 einige dieser sogenannten Dainas sammelte und sie 1807 in seinem Werk Stimmen der Völker in Liedern veröffentlichte. Er schuf damit die Grundlage für die im 19. Jahrhundert einsetzende systematische Erforschung und Sammlung dieser schlichten Vierzeiler.

Mit der Kastenzither werden Märchen in die Gegenwart geholt

Wie Lettland Alt und Jung auf inbrünstige Weise verbindet, zeigt das Ensemble Altera Veritas, dessen Musiker auf der Kokle, einer mit der finnischen Kantele eng verwandten Kastenzither, den Zauber alter Märchen und Mythen in die Gegenwart verlängern. Für dieses vermeintlich gestrige Instrument wird in Lettland heute wieder ganz offenherzig komponiert. Wie originell die Letten sogar strengste Konventionen löchern, beweist das lettisch-dänische Bläserquintett Carion, das die Notenständer abgeschafft hat und das Publikum gleichsam wie in einem Theaterstück mit Noten erobert.

Die berühmteste Familie des musikalischen Lettlands sind vermutlich die Skrides. Seit sie im Jahr 2001 den Concours Reine Elisabeth in Brüssel gewann, zählt die 1981 in Riga geborene Baiba Skride zu den Prinzessinnen im internationalen Geigenkönigreich; sie und ihre Stradivari werden diesmal artist in residence von Usedom sein. Frau Skride, die übrigens in Hamburg lebt, wird allerdings ihre reizenden Schwestern Lauma und Linda mitbringen, die sie an Klavier und Bratsche begleiten werden. Schon im Kindergartenalter haben die Skride-Mädchen Trio gespielt.

Im Chopin-Jahr kann es sich Usedom nicht leisten, das Jubelfest seiner polnischen Nachbarn zu ignorieren. So hat man die beiden Pianisten Ewa Kupiec und Boris Berezowksy zu Klavierabenden eingeladen, und wem das noch nicht reicht, der muss zu Gergely Bogányi gehen. Der hat sämtliche Solo-Werke Chopins auswendig vorbereitet und wird einen Abend auf Zuruf des Publikums gestalten. Bogányi ist allerdings Ungar. Übrigens sind die beiden prominenten lettischen Dirigenten Mariss Jansons und Andris Nelsons nicht dabei. Aber im Herzen schon. So viele Letten gibt es nicht, dass gerade Profimusiker nicht jederzeit wüssten, was ihre prominenten Landsleute tun.

Vom 25. September bis zum 16. Oktober; www.usedomer-musikfestival.de