DIE ZEIT:Die arktische Eisdecke schmilzt viel schneller als vom Weltklimarat vorausgesagt . In fünf der letzten sechs Jahre lag sie deutlich unterhalb der Modellierungen im IPCC-Bericht. Sind unsere Klimamodelle also falsch?

Rüdiger Gerdes: Es gibt zwei Gründe für diese Diskrepanz: Beim arktischen Meereis reagieren die IPCC-Modelle nicht stark genug auf den Treibhausgasanstieg. Den zweiten Grund sehen wir in einem extremen Ausschlag der langfristigen natürlichen Schwankung. Wir befinden uns auf dem Höhepunkt einer ausgeprägten warmen Phase der sogenannten atlantischen multidekadischen Oszillation. Die Wassertemperatur liegt rund 0,5 Grad über dem Durchschnitt. Und das kommt jetzt zu einem Zeitpunkt, in dem das Eis durch die langfristige Abnahme der Dicke bereits geschwächt ist.

ZEIT: Beim letzten Maximum dieser Oszillation blieb die sommerliche Eisdecke stabiler?

Gerdes: Ja. Damals, vor rund 70 Jahren, war das Eis am Ende des Winters an den meisten Stellen noch so dick, dass es auch in einem warmen Sommer nicht vollständig schmelzen konnte. Mittlerweile ist dieser kritische Punkt teilweise unterschritten. Statt der früher üblichen dreieinhalb Meter ist es heute häufig nur noch weniger als zwei Meter dick. Breite Risse und Wasserlachen sind sogar aus dem All zu erkennen, Kollegen sprechen bereits von morschem Eis.

ZEIT: Sie gehen davon aus, dass das Volumen der arktischen Eisdecke seit 1900 im Durchschnitt um 110 Kubikkilometer pro Jahr abgenommen hat. Woher wissen Sie das so genau?

Gerdes: Das ist ein schwieriges Thema. Daten militärischer U-Boote sind teilweise unter Verschluss. Flugzeuge liefern nur Schnitte entlang weniger Linien. Flächendeckende Satellitenbeobachtungen sind mit Unsicherheiten behaftet, außerdem gibt es sie derzeit nicht. Die Nasa hat ihren Icesat 2009 abgeschaltet, der im April gestartete europäische Cryosat ist noch in der Testphase. Unsere Aussagen beruhen deshalb auf Berechnungen mit einem Modell.

"Die Eisdickenmessungen, die wir haben, sind weitgehend konsistent"

ZEIT: Und sind damit genauso fehlerhaft wie die IPCC-Zahlen zur schrumpfenden Eisfläche?

Gerdes: Nein, als Eingangsgrößen nutzen wir etwa die Lufttemperatur, den Windschub – also Beobachtungen. Das unterscheidet unser Modell des Eisvolumens von einem Klimamodell, in das wirklich nur die Sonneneinstrahlung am oberen Rand der Atmosphäre, die Aerosolkonzentration und die Treibhausgase gesteckt werden.

ZEIT: Bald liefert Cryosat große Mengen neuer Daten. Rechnen Sie mit Überraschungen?

Gerdes: Nein. Die Eisdickenmessungen, die wir haben, sind weitgehend konsistent. Natürlich freuen wir uns auf neue flächendeckende Satellitendaten. Ich glaube aber nicht, dass wir unsere Abschätzung stark korrigieren müssen.

ZEIT: Wann werden wir den ersten eisfreien Sommer am Nordpol erleben?

Gerdes: Das hängt davon ab, wie schnell die atlantische Oszillation in die nächste Kaltphase zurückkehrt. Vorhersagen können wir das bisher nicht. Geht es schnell, wird die Eisdecke zunächst wieder wachsen, zieht sich die Abkühlung lange hin, kann bereits in wenigen Jahrzehnten die sommerliche Eisdecke fast ganz verschwinden.

ZEIT: Erschreckt Sie das?

Gerdes: Erschrecken würde ich nicht sagen. Eine direkte Gefahr für mich, für Bekannte und Verwandte besteht ja nicht. Aber es ist natürlich beeindruckend, die Veränderungen so unmittelbar sehen zu können. Man kann hinfliegen, man kann Satellitenbilder angucken – so deutlich wie am Schrumpfen der arktischen Eisdecke ist der Klimawandel nirgendwo sonst zu erkennen.

Rüdiger Gerdes leitet die Abteilung für Meereisphysik am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven.