Zuerst die gute Nachricht: Einer neuen rechten Partei fehlt nicht nur das Personal, sondern auch die Wählerschaft. Erfolgreiche neue Parteien wie die Grünen und zuletzt die Linkspartei entstanden aus einer Protestbewegung oder einer Partei, ein rechtes Pendant ist nicht in Sicht. Die schlechte Nachricht: Es gibt Umfragen, denen zufolge 18 Prozent eine Partei unter Thilo Sarrazin wählen würden und 20 Prozent irgendeine Partei rechts von der Union. Umfragen, in denen 20 Prozent der CDU-Anhänger angeben, sie würden ihr Kreuz bei einer rechten Partei machen.

In der CDU und der SPD reden sie viel von diesen heimatlos gewordenen Konservativen. Sicherlich spiegeln die demoskopischen Werte die Enttäuschung bestimmter Wähler über die modernisierte CDU und die schwarz-gelbe Regierung wider. Aber es ist eine unvereinbare Wählerschaft, die hier ihre Wut ablässt. Einerseits die Bürgerlichen, die mehr Markt und mehr Werte wünschen. Andererseits, so legt es die Umfragen nahe, ein Fünftel der Linkspartei-Anhänger, die eine starke Führungsperson gegen "die da oben" herbeisehnen. Nicht zu vergessen die Rechtsradikalen, denen NPD und DVU zu unfähig sind.

Es geht nicht um ein bestimmtes Programm, nicht einmal um eine bestimmte Person. Ausgerechnet der frühere Bürgerrechtler und gescheiterte Bundespräsidentenkandidat Joachim Gauck ist den befragten Deutschen als Vorsitzender einer neuen Partei noch lieber als Sarrazin. Auch nach dem Rücktritt des CDU-Politikers Friedrich Merz hieß es, er könnte eine neue Partei gründen.

Im bürgerlichen Hamburg gelang zwei Protestparteien der Einzug ins Stadtparlament, der Statt Partei und der Schill-Partei. Beiden wurden ihre Verbindungen ins rechte Milieu zum Verhängnis. Keine rechte Partei hat es in Deutschland bisher in den Bundestag geschafft. "In Deutschland ist die Nähe zum Rechtsextremismus ein Stigma", sagt Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen, "in Italien, den Niederlanden oder Österreich ist das nicht so."

Thilo Sarrazin bekommt auch deshalb so viel Applaus, weil er als Tabubrecher gilt; das Thema Integration und ihr angebliches Scheitern wühlt viele Deutsche schon lange auf. Sarrazins Thesen stimmen die Wähler aller Parteien mehrheitlich zu, hat die Forschungsgruppe Wahlen herausgefunden. Besonders enthusiastisch aber sind Leute wie dieser Kommentator auf der Webseite der rechtsgerichteten Jungen Freiheit: "Danke, Thilo!", jubelt er.