ZEITmagazin: Herr Quasthoff, bevor Sie als Sänger berühmt wurden, waren Sie Radiosprecher beim NDR. Gibt es eine Verbindung zwischen den Berufen?

Thomas Quasthoff: Ja, ich hatte schon immer eine Affinität zu besonderen Stimmen. Und zwar nicht nur zu großen Sängern, auch zu alten Schauspielern wie Heinrich George oder Emil Jannings. Durch meine sehr eigene Geschichte war mein Werdegang stark auf dieses auditive Moment festgelegt.

ZEITmagazin: Haben Sie schon früh angefangen zu singen?

Quasthoff: Das ist eine meiner frühesten Erinnerungen: Wir hatten so eine Musiktruhe zu Hause, die mehrere Singles hintereinander wegspielte. Ging meine Mutter zum Einkaufen, konnte ich diese Lieder singen, bis sie wiederkam.

ZEITmagazin: War bei Ihnen das Singen eine Art Ausweg aus Ihrer Behinderung?

Quasthoff: Ach, die Leute denken immer, Behinderung heiße auch schwere Krise. Aber bis zu einem gewissen Alter ist es schlicht und einfach nur ein Faktum, das man gar nicht weiter überblickt. Ich musste in der Familie schon als Vierjähriger singen, wenn Gäste kamen. Ich wurde nie sonderbehandelt, habe genauso – damals war das ja noch üblich – einen hinter die Löffel gekriegt, wenn meine Verhaltensstrukturen den elterlichen Maßstäben nicht ganz entsprachen, was ziemlich oft der Fall war. Insofern bin ich nicht wie ein typisches behindertes Kind groß geworden. Erst als ich in einem Internat für körperlich und geistig Behinderte war, wurde ich mit viel Elend konfrontiert, das bei einem normalen Kind gar nicht auf dem Bildschirm auftaucht.

ZEITmagazin: Sind das Erfahrungen, die in Ihre Interpretation von Musik einfließen?

Quasthoff: Ich habe oft darüber nachgedacht. Vielleicht hat es mich in mancher Hinsicht sensibilisiert. Vielleicht hat es eine emotionale Ebene geschaffen, die der Musik zuträglich ist. Vielleicht ist es auch dieses Moment, was letztendlich darüber entscheidet, ob man bei einem Vortrag die Menschen trifft oder nicht. Ich habe schon Liederabende erlebt, wo eineinhalb Stunden eine Stimmschönheit präsentiert wurde, aber ich saß da und dachte mir: Mädel, was willst du mir jetzt damit sagen, außer dass du sechs Jahre lang deine Stimme schön ausgebildet und keinerlei technische Probleme hast?

ZEITmagazin: Hat das etwas mit Lebenserfahrung zu tun?

Quasthoff: Schon. Es hat aber auch, Entschuldigung, etwas mit Intelligenz zu tun und Interpretationsansatz. Es gibt Kollegen, denen geht es primär ums Legato. Das ist legitim, aber wenn ich den Text nicht mehr verstehe, brauche ich auch keine Liedplatte aufzunehmen, finde ich.

ZEITmagazin: Gab es einen Moment in Ihrem Leben, wo Sie in einer Krise gerettet werden mussten?