Das gleich vorweg: Beim jüngsten musikalischen Massenauflauf in Duisburg ist alles gut gegangen, allein bei der Abholung der Regenschirme gab es leichtes Gedränge. Sogar der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland, der am Tag darauf nur knapp seiner Amtsenthebung entgeht, kommt unfallfrei davon. Es galt ja als ausgesprochen pietätlos, dass der Mann, über dessen Mitverantwortung für die Katastrophe bei der Loveparade in "seiner" Stadt weiter gestritten wird, anlässlich der "Sinfonie der Tausend" überhaupt auftritt. Ausgepfiffen werde er, hatten Feind und Freund ihm prophezeit. Doch als er schließlich kurz vor Konzertbeginn die riesige Kraftzentrale im Duisburger Landschaftspark-Nord betritt, schweigt alles still. Vielleicht liegt es daran, dass er im Windschatten des Staatsoberhaupts und der Landesmutter zu seinem Platz in Reihe 18 segelt, und auf Christian Wulff und Hannelore Kraft mögen sie (noch) nicht pfeifen, die netten "Ruhris", wie sich die Bewohner des Ruhrgebiets nun in den Zeitungen nennen lassen müssen. Sogar ein schütterer Beifall hebt an für den hohen Besuch; Sauerland kann den zweitgrößten Termin seiner Amtszeit ungestört aussitzen.

Dass aus der Aufführung von Mahlers Achter eine Art Requiem für die Opfer der Loveparade inklusive Schweigeminute werden würde, konnte ja auch niemand ahnen, als die Idee zum Konzert vor drei Jahren geboren wurde. Da hatten die Macher der "Kulturhauptstadt Europas Ruhr.2010" nur eine Rekonstruktion der Uraufführung der "symbolischen Riesenschwarte" (Adorno) vor exakt 100 Jahren, am 12. September 1910 in München im Sinn, die der Komponist selbst dirigierte, "bald Blumen, bald Feuerbrände" ins Publikum werfend, wie ein Kritiker schrieb. In der Neuen Musik-Festhalle drängte sich der musikalisch-intellektuelle Komplex jener Zeit: Saint-Saëns, Schönberg, Webern, Berg, Richard Strauss, dazu Gerhart Hauptmann, Arthur Schnitzler und Thomas Mann. Letzterer huldigte wenig später dem böhmischen Komponisten als dem Mann, "in dem sich der ernsteste und heiligste künstlerische Wille unserer Zeit verkörpert".

Was das alles mit der Stadt Essen und dem Ruhrgebiet zu tun hat? Nichts – außer der Sehnsucht nach Größe. Dass in seiner Vertonung des Pfingsthymnus und der Schlussszene des Faust II das Universum zu tönen und zu klingen beginne, hatte schon Mahler selbst befunden, "es sind nicht mehr menschliche Stimmen, sondern Planeten und Sonnen, welche kreisen". Ein gefundenes Fressen also für die Kulturhauptstadt-Macher, für die ein Superlativ gerade gut genug ist, von der längsten Autobahnparty bis zum größten Chor-Konzert der heutigen Zeit. Zwar kann man Mahlers Werk auch schon mit gut 300 Leuten aufführen. Aber warum kleckern, wenn schon der Schöpfer klotzte? Mahler mochte den Reklamespruch von der " Sinfonie der Tausend " nicht, hatte aber selbst annähernd so viele Musiker aufgeboten. In der Überbietungslogik von Ruhr.2010, deren erklärtes Ziel es ja ist, die erfolgreichste europäische Kulturhauptstadt aller Zeiten zu werden, kann das nur heißen: Wir können größer.

25 Chöre und 6 Orchester, insgesamt 1330 Musiker drängen sich schließlich auf der von einem ganzen Acker voller Sonnenblumen begrenzten Bühne – 1:0 beim Spitzenspiel Ruhrgebiet gegen Mahlers München! "Wie viele Besucher werden Sie heute wieder melden, Herren Pleitgen und Scheytt?" Ein namenloser kritischer Geist hat den Zettel mit der sarkastischen Frage an die beiden Geschäftsführer der Ruhr.2010 GmbH auf den Boden vor der ausverkauften Kraftzentrale gelegt, dazu 21 weitere Blätter mit den Namen der Loveparade-Toten. Der Regen verwischt die Schrift, das Publikum drängt eilig ins Trockene, 2656 Menschen in 80 Reihen, darunter ein bedeutender Komponist, Hans Werner Henze . Das heißt: Ausgleich für München, wo seinerzeit 3200 Musikfreunde lauschten.

"Unfaßbar groß das innere Erlebnis für jeden, der dabeisein durfte", hatte Alma Mahler über die Uraufführung gesagt. 100 Jahre später geht der Beifall des Publikums kaum über eine routinierte Selbstfeier hinaus – hurra, wir sind bei was ganz Großem dabei gewesen! Nach ein paar Jahrzehnten kulturindustrieller Ausbeutung aller Formen von Emotionalität wird Mahlers musikalische Buttercremetorte relativ ungerührt weggeputzt. Zu vorhersehbar sind ihre Zutaten, der Wechsel von höchster Erregung und leisester Andacht, von markerschütternden Tutti und silberfadenfeinen Soli. Echte Überwältigung ist auf diesem Wege nicht mehr zu haben. Demonstrativ zieht eine Zuhörerin in Reihe 5 die Schuhe aus und stellt ihre nackten Füße auf den Klappstuhl vor sich – mag das Universum kreisen, wir machen es uns gemütlich.