Greift der Amokschütze zur Waffe, weil sie ihm so gefährlich nah ist? Nach Winnenden jetzt also Lörrach. Wir erfahren, dass die Täterin Sportschützin war, dass sie familiäre Probleme hatte und 300 Schuss Munition mit sich trug . Neben der Tatwaffe hortete sie zu Hause noch drei Gewehre. Und wieder setzt eine Diskussion über das Waffenrecht ein, aber Diskussionen retten kein Menschenleben.

In Deutschland sind in den vergangenen 15 Jahren 60 Menschen mit Waffen von Sportschützen erschossen worden. Niemand kann diese Taten – mehr als ein Dutzend – noch als "bedauerliche Einzelfälle" verharmlosen. Das Motiv der Täterin von Lörrach mag nicht ganz geklärt sein. Doch wieder war eine Schusswaffe greifbar, um einen Konflikt zu "lösen". Und diesmal schoss nicht ein Spätpubertierender, sondern eine Anwältin und Mutter, die nicht psychisch krank gewesen sein soll. Es ist offenbar nicht ein Tätertyp, der zur Schusswaffe greift, es ist die bereitliegende Waffe, die Täter aller Art verführt. Nimm mich – ich bin da!

Knapp zehn Millionen Pistolen und Gewehre, heißt es, lagern legal in deutschen Haushalten. Nur ein äußerst kleiner Teil ihrer Besitzer wird zu Amokläufern oder macht die Waffen Tätern verfügbar. Warum ist es dennoch sinnvoll, die Freiheit der Schützenbrüder einzuschränken? Weil bei so gut wie jedem Amoklauf hierzulande Waffen von Sportschützen benutzt werden. Und weil rigoroses Umdenken vermutlich dazu geführt hätte, dass zumindest einige Opfer noch am Leben wären. So hätte die Täterin von Lörrach wohl auch ohne Pistole ihr Kind und dessen Vater getötet – aber nicht den Pfleger im Krankenhaus. Erst vergangene Woche hat der Prozess gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden begonnen, der es vorzog, seine Beretta unter die Pullover im Schrank zu packen statt in den Tresor. Schusswaffen in privater Hand müssen endlich getrennt werden von der Munition, sie müssen sicher verschlossen werden in Vereinsheimen oder auf Polizeiwachen.

Und warum trauen sich die zuständigen Politiker nicht, der sogenannten Waffenlobby die Stirn zu bieten? Weshalb fallen die Verschärfungen des Waffenrechts immer so läppisch aus wie 2009? Warum dürfen Menschen mit Waffen schießen, die mit einer Kugel gleich mehrere Opfer töten können? Wieso verbessert man die Notfallpläne für Amokläufe, statt alles daranzusetzen, die nächste Tat zu verhindern? Es gibt wahrhaft mächtigere politische Gegner als die Schützenverbände, in denen höchstens ein Fünfundzwanzigstel aller Wahlberechtigten organisiert sind. Oder sind die vier Toten von Lörrach einfach zu wenig, um das Gesetz wirksam zu verschärfen?

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