In diesen Tagen wird viel heiße Luft in grüne Luftballons gepumpt. Ganz bestimmt hat Hermann Schützenhöfer auch ein Wahlprogramm. Aber in erster Linie tingelt der konservative Herausforderer des roten Landeshauptmannes der Steiermark durch die Bezirke und tritt bei Volksfesten auf. Manchmal erzählt er dann diese Geschichte: "Als mein Vater einmal von der Baufirma nach Hause gekommen ist…", an diesem Punkt beginnt der Wahlkämpfer voll Pathos zu vibrieren, "…hat er uns gesagt, er sei entlassen worden, weil er der sozialistischen Gewerkschaft Bau-Holz nicht beigetreten ist."

Das Kindheitserlebnis soll vor Augen führen, was passiert, wenn die Falschen in der Steiermark an die Macht gelangt sind. Die Roten, die Land und Leuten Gewalt antun. "Wir wollen den Steirern das Land zurückgeben", verkündet deshalb auch Bernhard Rinner, Landesgeschäftsführer der ÖVP, im Eifer der schwarzen Reconquista. Auf Plakaten wird gar die "Rückkehr der Steiermark" versprochen. Wohin? Zurück in die Zukunft. Dafür kämpft die steirische Volkspartei bis zum Wahltag am 26. September – nicht lediglich um einen Sieg an der Urne, sondern darum, dass ihr eigener Mythos wiederauferstehen möge.

Es ist ein Mythos, der sechs Jahrzehnte hindurch Steiermark und Volkspartei fest miteinander verband, als sei das vom lieben Gott so gewollt – bis zu jenem verhängnisvollen 2. Oktober 2005.

An diesem Wahlsonntag stürzt für die schwarzen Steirer eine Welt ein. Vor der Gewissheit der Niederlage verbarrikadiert sich Landesmutter Waltraud Klasnic mit wenigen Vertrauten stundenlang in ihrem Büro in der Grazer Burg. Erst um halb sieben stößt sie die weiß-grüne Flügeltür auf, nach vielen Tränen frisch geschminkt für die Fernsehkameras. Jungsozialisten ziehen an diesem Abend mit Fackeln vor die ÖVP-Zentrale, breiten rote Fahnen aus und singen die Internationale. Bald darauf beginnt der schwarze Parteinachwuchs sich mit den Jusos zu prügeln. Drinnen brüllt der Wahlkampfleiter ins Mikrofon: "Sie haben uns den Panther aus der steirischen Fahne gerissen." Daneben steht Waltraud Klasnic, Tränen in den Augen. Ende eines Mythos.

Die politische Heldenerzählung beginnt mit einem charakterfesten Burschen aus einfachem Haus: dem Holzknecht Josef Krainer. Er bringt es in der Zwischenkriegszeit zum Obmann der christlichen Land- und Forstarbeiter und hätte wohl auch einen brauchbaren sozialistischen Gewerkschaftsführer abgegeben. Das Land, das er dann von 1948 bis 1971 regieren sollte, war damals in seinen Strukturen eher sozialdemokratisch: die alte Industrieregion rund um den Erzberg, die kleinteilig zersplitterte Landwirtschaft und die vielen Universitäten in der Hauptstadt Graz.

Dem ÖVP-Landeshauptmann glückte es, die unterschiedlichen Segmente der Gesellschaft zueinander zu führen. Mit dem Universitätsprofessor konnte Krainer ebenso gut reden wie mit dem Viehbauern. Nachdem er anfangs nur knappe Siege über die Sozialisten errang, profiliert er sich in Wahlkämpfen mehr und mehr als "Landeshauptmann für alle Steirer" und füllt die Floskel mit Leben. Als der aufmüpfige Studentenpolitiker und spätere Grazer Kulturstadtrat Helmut Strobl bei einer Demonstration verhaftet wird, telefoniert der alte Krainer persönlich mit der Polizei: "Holt’s den Buam auße. Den könnt’s ned einsperren!"