Dieser Zahn ist kein Zahn. Die "Reliquie des Heiligen Kaisers Friedrich Barbarossa", seit Jahrhunderten verpackt in einem unscheinbaren Papierknäuel und heftig verehrt, entpuppte sich als ein morsches Stückchen Holz. Auch wird der Stauferkaiser, der 1190 auf seinem zweiten Kreuzzug in einem Fluss ertrank, nicht zu neuem Leben erwachen, wie es die Sage verheißt. Friedrich I. ist der sagenumwobenste, gefürchtetste, verachtetste, christlichste und vermeintlich deutscheste aller deutschen Kaiser. Wer von den Staufern handeln will, kommt um diesen Mythos nicht herum. Und so bilden ein Foto des ikonischen Barbarossa-Denkmals am thüringischen Kyffhäuser und der vermeintliche Zahn den Auftakt der Mannheimer Ausstellung. Die Aufnahme der wilhelminischen Barbarossa-Statue haben die Kuratoren in kleine Stücke geteilt und räumlich versetzt vor eine Wand montiert. Den Personenmythos der Staufer, so viel ist klar, will man hier gleich zu Beginn kräftig zerlegen.

Neu ist das nicht. Bereits die legendäre erste große Staufer-Schau in Stuttgart vor gut 30 Jahren hat das getan. In Mannheims Reiss-Engelhorn-Museen blickt man daher weiter, über die Alpen. Die Staufer und Italien heißt die Ausstellung. Der Untertitel, Drei Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa, klingt eher nach einem Förderantrag auf EU-Hilfe. Dahinter verbirgt sich ein anspruchsvolles Programm: Einerseits will man die enge Verbindung der staufischen Herrscher mit Italien und den kulturellen Austausch zwischen Nord und Süd betonen; andererseits die Unterschiede ihres Machtbereichs anhand der drei Regionen aufzeigen, in die er sich gliedert – Rhein-Main-Neckar, Oberitalien und Sizilien. Ein Mammutprojekt, das es da mit einem Giganten der deutschen Geschichte aufnehmen will.

Deutsche Geschichte? Die Saga des heiligen Zahns führt zunächst einmal in den Norden Italiens, in das Städtchen Brienno am Comer See. Nicht allzu weit von dort entfernt erlitt Kaiser Friedrich I. im Jahr 1176 eine vernichtende Niederlage – in der Schlacht von Legnano gegen die Truppen des lombardischen Städtebundes unter Führung Mailands. Die Legende will, dass er sich davongeschlichen und Unterkunft in Brienno gefunden hat. Aus Frust über die verlorene Schlacht habe er sich dann derart betrunken, dass er auf der Treppe gestolpert sei und sich den Zahn ausschlug. Der Ort gehörte wie Pavia und einige andere Kommunen zu den kaisertreuen Gegnern der mächtigen Wirtschaftsmetropole Mailand, das sich von dem lästigen Kaiser in seinem politischen und ökonomischen Expansionsdrang behindert sah. Dieser war wie seine Nachfolger in unentwegten, doch letztlich erfolglosen Kämpfen damit beschäftigt, seinen Machtanspruch über die Region durchzusetzen und den honor imperii, die Würde seiner Herrschaft, zu sichern.

Dies betraf auch die Gebiete nördlich der Alpen zwischen Elsass und Böhmen sowie – bei Barbarossas Nachfolgern, besonders FriedrichII. – Sizilien. Das Rhein-Main-Neckar-Gebiet beschrieb Otto von Freising, Barbarossas Biograf, als "die größte Kraft des Reichs". Hier errichteten die staufischen Könige ihre Pfalzen, gebaute Repräsentationen ihres Herrschaftsanspruchs, die sie selbst nur selten, als Stationen auf ihren Reisen und Heerzügen durch das Reich bewohnten. Schwere gezwirbelte Säulen und romanische ornamentierte Gesimse der Kaiserpfalz Gelnhausen hat man deshalb nach Mannheim geschafft, um das Repräsentationsbedürfnis der Kaiser zu veranschaulichen. Wirklich durchsetzen konnten sie ihre Herrschaft aber nur, wenn sie in dem dichten Geflecht aus Privilegien und Absprachen zu navigieren verstanden und Rücksicht auf Eitelkeiten von Gegnern wie Verbündeten nahmen.

Konkurrenten waren vor allem die Bischöfe und die an Einfluss gewinnenden Pfalzgrafen und Städte wie Kaiserslautern oder Frankfurt. "Dem Kaisertum", schreibt Bernd Schneidmüller im exzellenten Begleitkatalog der Mannheimer Ausstellung, "blieb nur noch der zeremonielle Vorrang in einem pluralen System selbstbewusster ›Mitspieler‹." Solches Selbstbewusstsein demonstriert etwa die Grabplatte des Erzbischofs Siegfried III. von Eppstein, die den Bischof dabei zeigt, wie er zwei deutlich kleiner dargestellten Gegenkönigen des Staufers Konrad IV. die Krone aufsetzt. Doch diese Grabplatte bleibt ein Solitär. Die Schau verzichtet darauf, von einzelnen Protagonisten, ihren Intrigen und Schlachten zu berichten. Stattdessen rückt sie die abstrakten Strukturen der staufischen "Königslandschaften" in den Mittelpunkt. Es bleibt bei der Präsentation von Siegeln und Münzen, Kapitellen und Büsten – auf deren nähere Beschreibung man zudem großzügig verzichtet. Das Problem jeder um sichtbare Quellen ringenden Mittelalter-Schau zeigt sich hier besonders eklatant: Aus der in der Wissenschaft längst überholten, doch spannungsreichen Geschichte der großen Männer macht man in Mannheim eine um akademische Modellvorstellungen bemühte, doch leider blutleere Schau großer Steine.