Doch spätestens seit 200 Jahren haben sich diese Eigenheiten verflüchtigt. So wie sich etliche Künstler des Westens von ihren arabischen Kollegen inspirieren ließen – Wassily Kandinsky etwa durch die Münchner Ausstellung von 1910 –, so blickte auch der Orient neugierig auf den Okzident. Daran erinnert die erstaunlich reiche Ausstellung in Karlsruhe. Dort sind viele Heilige des Korans zu bewundern, die aussehen, als wären sie gerade den Bildern eines Raffael oder Michelangelo entschlüpft. Nur hat sich hier die Pietà-Maria in den schiitischen Märtyrer Imam Hussein verwandelt.

Auch der Prophet Mohammed verdankt sein Antlitz erstaunlicherweise dem westlichen Blick. Die beiden Fotografen Rudolf Franz Lehnert und Ernst Heinrich Landrock hatten auf ihren Reisen um 1900 einen arabischen Jungen fotografiert, mit Turban und halb entblößter Schulter. Das Bild wurde unter dem Titel Jeune Arabe oder auch Mohamet unendlich oft reproduziert; heute findet es sich als kleines Andachtsbild in vielen Handtaschen der Iranerinnen, schmückt Gebetsbücher und prangt als Poster in vielen Läden.

Das Fremde ist längst das Eigene, das Eigene oft fremden Ursprungs. Die Bildwelten von Orient und Okzident haben sich so oft und intensiv durchdrungen, dass beim besten Willen niemand mehr zu sagen vermag, wo das eine aufhört und das andere beginnt.

Erst recht in der Gegenwartskunst wäre jeder Glaube an eine authentisch islamische Ästhetik absurd. Seit Langem schon gibt es in Ländern wie der Türkei oder Iran eine Künstlerausbildung nach westlichem Vorbild. Viele Künstler leben auch gar nicht mehr in ihrer Heimat, sondern in London oder Berlin – und firmieren dennoch als Abgesandte der Kunst ihrer Heimat.

Manche Künstler spielen mit diesen Zuschreibungen, etwa der Algerier Mounir Fatmi, der in Bochum seinen Hard Head an die Wand gemalt hat, einen Schädel, dessen Gehirnwindungen durchsetzt sind mit den arabischen Schriftzeichen einer Sure. Das Hirn ist der Koran, der Koran das Hirn – es gibt kein Entkommen. Auch für die Künstler nicht, denn wollen sie auf der internationalen Bühne mitspielen, gelten sie in ihrer Heimat rasch als entfremdet, während sie in der Fremde den Spezialisten für das Ausländische geben sollen. Wie sie sich auch winden, sie werden die Projektionen und Wunschbilder nicht los.

So gut es also die drei aktuellen Ausstellungen auch meinen, sie tun den Künstlern keinen Gefallen, ihre Werke mit denen islamischer Teppichknüpfer und Fayencemeister in einem Raum auszustellen und damit eine gemeinsame Identität zu insinuieren, die es so nie gegeben hat. Auch ein aufgeklärter Neo-Orientalismus, wie er hier betrieben wird, nützt am Ende niemandem. Er verstärkt nur das übliche Wir-und-ihr-Denken, das die Ausstellungen doch eigentlich unterlaufen wollen.

München: "Zukunft der Tradition – Tradition der Zukunft" im Haus der Kunst bis zum 9. Januar; der Katalog (Prestel) kostet 39,95 Euro

Karlsruhe: "Das fremde Abendland? Orient begegnet Okzident von 1800 bis heute" im Badischen Landesmuseum bis zum 9. Januar; der Katalog (Belser) kostet 29,95 Euro

Bochum: "Unexpected/Unerwartet. Von der islamischen Kunst zur zeitgenössischen Kunst" im Kunstmuseum Bochum bis zum 10. Oktober. Der Katalog kostet 19 Euro