Der Verlust einer Sprache ist zu beklagen. Die Deutsche Bahn will ihre legendären englischen Durchsagen weitgehend abschaffen. Das erklärte Bahnchef Rüdiger Grube jüngst in einem Interview. Als Verfasser eines Buchs namens Senk ju vor träwelling ist man keineswegs froh, das zu hören. Zwar hat die Bahn auf das Erscheinen des satirischen Machwerks zweier bekennendermaßen durchgeknallter Bahnfahrer gewohnt humorlos reagiert. Lesungen in Bahnhofsbuchhandlungen wurden verhindert, Verlagsanzeigen in Zügen selbst neben den Toiletten untersagt. Doch wann immer ein Zugchef sein "Senk ju vor träwelling wizz Deutsche Bahn" in die Bordsprechanlage radebrach – er machte unentgeltlich Werbung für den Titel. Damit ist es wohl bald vorbei.

Doch weit trauriger stimmen die vermeintlich Gleichgesinnten, die jetzt triumphieren. Die Oberlehrer, Hämebesessenen und Immergenervten. Die jeden noch so kleinen Ver- oder Falschaussprecher in einer bahnenglischen Ansage mit Grimassen oder gequältem Aufjaulen begleiten. Die bei jedem "Schentelmeen", "lokel träään" und "näxxt stopp" ostentativ zusammenzucken, ostentativ den Kopf schütteln, als wollten sie sagen: Gelt, wir sind klüger als der.

Genau darum aber ging es bei Senk ju vor träwelling nicht. Das Buch ist ein humorvoller Überlebensführer für den alltäglichen Bahnwahnsinn. Wo der tobt und worüber man sich aufregen kann, weiß jeder treue Kunde: Verspätungen, ausgefallene Züge, ausgefallene Klimaanlagen, heftige Körpergerüche, kaffeelose Bordbistros, abgestumpfte Vielzulauttelefonierer. Die Durchsagen auf Bahnenglisch sind daneben eine Kleinigkeit. Nur deswegen lassen sie sich auch so leicht abschaffen.

Leider ist das ein Fehler. Der Bahnchef beraubt sich eines Instruments zur Besänftigung unzufriedener Kunden, ja einer Geheimwaffe. Bahnkunden sind ja nicht allesamt Rechthaber, die sich kraft ihres Englisch-Leistungskurs-Wissens über die Unbildung des Zugpersonals mokieren. (Über jene, die in doitschen Zügen nur doitsche Ansagen hören wollen, schreiben wir hier nichts.) Die allermeisten sind einfach Menschen, die menschlich behandelt werden möchten.

Darum geben andere Unternehmen viel Geld aus für Entschuldigungsbriefe, für hochcharmante Anruferinnen, die ein Lächeln auf die Gesichter enttäuschter Kunden zaubern sollen. Aber, und der Effekt ist der gleiche, in einem Zug der Deutschen Bahn schallt aus den Lautsprechern eine Ansprache wie diese: "We ärreive ... Augs..., äh ... Nürn..., äh Erfurt. It wos ä pläschure. Senk ju for (Pause) träwelling wizz Deutsche Bahn! And Gut! (Knacken, Pause) Beiii!" Und schon hellen sich die verbitterten Mienen der gebeutelten Reisenden auf. Lassen sich Wenigbahnfahrer und Nativespeaker darüber aufklären, um welche Sprache es sich handelt, und kichern. Kurz: Die Laune hebt sich.

Zum ganz großen Akt der Kundenbindung aber wird das im – bahnalltäglichen – Ausnahmefall. Dann, wenn der IC XY im thüringischen oder sächsischen Kernland auf freier Strecke unvermittelt stoppt. Die mitreisenden Pendler sacken zusammen und sparen sich ihre Handyakkus für Notrufe; bei denen, die in Leipzig den letzten ICE erwischen müssen, wächst das Entsetzen. Im Zug ist es viel zu heiß oder, sofern das die größere Qual bedeutet, viel zu kalt. Und dann, endlich, das Knacken aus den Lautsprechern und zuerst: "Sehr geehrte Fahrgäste, unsere Weiterfahrt verzögert sich aufgrund von Störungen im Betriebsablauf." Aber, noch bevor sich die ersten Fäuste ballen: "Leediiies änd Schentelmeen, because of (Pause) ähhh, turbulances in, ähhh, our (lange Pause) Bäääätriiieeejjjjbsablauuf. (Pause) We can’t go on together wizz ... (Pause) We, ähem, have to wait (dreimaliges Handyklingeln, Poltern, leises Fluchen) ... we have to wait ... until the police has catched all the kaus... (lange Pause) kouws, nein ... (qualvolle Pause, nervöses Husten) hoses ... horses. (stolz) Horses! Senk ju!"