Ach, ist doch egal. Ob drei, ob vier, ob fünf: Da wollen wir nicht streiten. Seit Wochen zeichnete sich ab, dass die Schweiz vor einem bahnbrechenden Schritt stand: Erstmals in ihrer Geschichte würde sie wohl mehrheitlich von Frauen regiert werden. Aber die große gesellschaftliche Debatte darüber blieb aus. Einzelne Medien versuchten, einen Konflikt herbeizureden, eifrig löcherte man Politiker, "Politbeobachter" sowie Passanten in Straßenumfragen: ob ein Frauenmehr in der Regierung nicht vielleicht doch ein Problem sei? Die Antwort: Schulterzucken. Vier Frauen im Bundesrat, gar fünf: Ach, ist doch egal.

So leise kommt der Wandel. Dass da irgendein Bruch passiert war, merken wir erst, wenn wir zurückblicken. Zurück zur grauen Männermauer von damals, 1983, als die sozialdemokratische Nationalrätin Liliane Uchtenhagen als erste Frau in den Bundesrat einziehen wollte und abgeschmettert wurde – einfach deshalb, weil sie eine Frau war. Oder 1993, als Christiane Brunner abgewiesen wurde, ganz einfach weil sich auch da noch altväterische Ressentiments in den geheimen Wahlzetteln niederschlugen. Und auch 2003. Als Justizministerin Ruth Metzler abgewählt wurde, drückten viele Frauen bei Massenaufläufen in Bern, Zürich und Genf ihre Furcht aus, niemals zum Ziel zu kommen. Zum Ziel nämlich, dass das weibliche Geschlecht in den Machtzentren der Schweiz angemessen vertreten sei.

Und jetzt diese Ruhe. Bereits als das Land zu Jahresbeginn seine höchsten politischen Ämter an Frauen vergab, wurde dies durchwegs entspannt vermerkt, falls überhaupt. Bundespräsidentin, Nationalratspräsidentin, Ständeratspräsidentin, vier von sechs Fraktionspräsidien: Die politische Schweiz des Jahres 2010 hat kein Problem mit einem Matriarchat.

Die Frauen machen sich breit auf dem Logenplatz der Gesellschaft

Revolutionen geschehen rasch – aber erst, wenn die Zeit dafür reif ist. Die Geschlechterverschiebung an den politischen Schaltstellen spiegelt lediglich, wie sehr sich die Verhältnisse im ganzen Gesellschaftsbaum verlagert haben. Das Land ist voll von Zahlen, die einen neuen Anspruch der Frauen untermauern: Stetig steigende Erwerbstätigkeit, eine Mehrheit bei den Maturandinnen, ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis bei den Studierenden, eine krasse Mehrheit bei den Lehrerinnen, ein Übergewicht bei der jungen Ärzteschaft und so weiter. Frauen setzen sich in mehr und mehr Berufen durch, Frauen schneiden sich ein immer dickeres Stück der politischen Macht ab, Frauen machen sich breit auf dem Logenplatz der Gesellschaft: Das Phänomen ist in ganz Europa greifbar, und es füllte bereits Unmengen von Feuilletonartikeln oder Fachbüchern. Da wird uns also jetzt ein "Zeitalter der Frauen" vorausgesagt – oder, wie es Islands Premierministerin Johanna Sigurdardóttir umgekehrt formuliert hat: das Ende des "Zeitalters des Testosterons".

"Der Mann war das herrschende Geschlecht seit der Dämmerung der Menschheit", bemerkte zum Beispiel das amerikanische Magazin The Atlantic unlängst in einer viel beachteten Titelstory: "Aber zum ersten Mal in der menschlichen Geschichte ändert sich dies – und zwar mit schockierendem Tempo." Gleichberechtigung, so die These, sei gar nicht mehr der Punkt, um den es künftig gehe: Vielmehr sollten wir uns langsam mit der Frage auseinandersetzen, ob der Mann überhaupt noch mithalten kann. Illustriert wurde dies zum Beispiel mit Geschichten aus US-Universitäten, die still und diskret Unterstützungsmaßnahmen einführen, damit die Studenten überhaupt noch angemessen präsent sind auf ihrem Campus: Affirmative action für junge Männer.

Denn ist es nicht so, dass eine moderne (oder postmoderne) Wirtschaft gerade die weiblichen Qualitäten eher benötigt? Ist es nicht so, dass männliches Risiko- und Büffelherdenverhalten die jüngste Finanzkrise auslöste? Ist die Sache nicht statistisch ohnehin klar? Diverse ökonomische Arbeiten – darunter mehrere Großstudien der OECD – haben inzwischen untermauert, dass ein direkter Zusammenhang besteht zwischen der politischen und wirtschaftlichen Beteiligung der Frau und dem wirtschaftlichen Erfolg eines Landes. Andere Studien – zum Beispiel eine von McKinsey – belegen, dass ein höherer Frauenanteil im Management gut ist für die Rendite. Wer will da noch behaupten, vier oder fünf Bundesrätinnen seien ein Problem?

Doch immer sichtbarer wird dadurch das große Paradoxon: Da laufen Entwicklungen, die sich krass widersprechen, einträchtig nebeneinander her. Denn auch 2010 können Frauen mit gutem Recht beklagen, dass sie benachteiligt sind wie eh und je. Die Lohnschere will sich keineswegs schließen – der weibliche Medianlohn liegt heute um knapp ein Fünftel niedriger als der männliche, genauso wie schon vor zehn Jahren. Und die gläserne Decke, sie besteht offenbar aus Panzerglas. Ähnlich der katholischen Kirche scheinen auch die großen Unternehmen der Schweiz inzwischen entschlossen, den Status quo zu bewahren und Gender-Modetrends ungerührt auszusitzen. Nur acht Prozent der Mitglieder in den Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen der Schweizer SMI-Konzerne sind momentan weiblich – ein Verhältnis wie schon vor einem Jahrzehnt, wie schon vor zwei Jahrzehnten. Auch die Spitzenämter der Bundesverwaltung sind weitgehend Männerclubs geblieben.