Am 29. Tag des Wartens, kurz vor Mitternacht, tritt Lilian Ramírez ins grelle Licht des Fernsehstudios von Wer wird Millionär?. Gerade hat der junge chilenische Schauspieler Daniel Alcaíno als Schnellster die Filme E.T. , Shrek , Der große Diktator und Love Story in die zeitlich richtige Reihenfolge gebracht, sich auf den Stuhl gegenüber dem Moderator gesetzt und erklärt: "Ich spiele heute für und mit Lilian Ramírez, der Ehefrau des Bergmanns Mario Gomez, der diesen ergreifenden Liebesbrief an sie geschrieben hat." – "Lilian Ramírez!", hat der Moderator gerufen. "Eine Frau, die es ohne Zweifel verdient, Millionärin zu sein!"

Lilian Ramírez, deren Mann seit Wochen von Dunkelheit umschlossen ist, läuft jetzt in diesem Lichtkegel ins Studio. Stumm setzt sie sich neben den Schauspieler, schüttelt ihre blond gefärbten Locken. Ihr Blick ist scheu.

"Lilian, wir wissen, dass die vergangenen Tage alles andere als leicht für Sie waren. Wenn Sie heute eine große Geldsumme gewinnen, was machen Sie damit?"
"Ich möchte ein Taxi für meinen Mann kaufen, damit er nie wieder in einer Mine arbeiten muss."
"Dafür brauchen wir ungefähr sieben Millionen Peso. Lasst uns dieses Abenteuer angehen!"

So spielt Lilian Ramírez, 52, von ihren Freunden Lila genannt, einen Rosenkranz um den Hals, für die Zukunft ihres Mannes, der in der chilenischen Mine San José verschüttet ist. Und eine ganze Nation schaut dabei zu.

Fast fünf Wochen ist es jetzt her, dass das chilenische Fernsehen die ersten dunklen Bilder gesendet hat, Bilder von fahlen Gesichtern, bärtig, ausgezehrt, verschwitzt. Das war das Erste, was das Land von den 33 Männern sah, die ein Erdsturz 700 Meter unter Tage verschüttet hatte. Sie waren schon für tot erklärt worden, und doch lebten sie, lange nachdem die Mine eingebrochen war. Ein Wunder, das Chile hinaus in die Welt schickte.

Die Welt schickte etwas zurück: Journalisten, Fotografen, Kamerateams. Alle zusammen arbeiten sie gerade an der vermutlich größten Realityshow, die die Welt jemals gesehen hat. Eine Mischung aus Big Brother und Telenovela, eine Serie voller Liebe und Schmerz, Hoffnung und Verzweiflung, deren Ende nicht vorhersehbar ist. Eine Soap, die alles hat, was ein gutes Drama ausmacht. Und die Tag für Tag neue Folgen braucht.

Der Schauplatz dieser Show liegt in der Atacama-Wüste. Die Atacama bedeckt den Norden Chiles bis hinauf zur peruanischen Grenze, über tausend Kilometer nichts als Wüste. Es ist, als hätte Gott sich mit diesem Landstrich einen schlechten Scherz erlaubt: Zwischen das höchste Gebirge des Kontinents, die Anden, und den wasserreichsten Ozean, den Pazifik, klemmte er den trockensten Ort der Welt. Und darunter vergrub er unermessliche Reichtümer: Gold, Silber, Eisenerz und jede Menge Kupfer.

Eine Stunde Fahrt ist es von der Provinzhauptstadt Copiapó zum Ort des Dramas, vorbei an hellen Dünen und steinigen Ebenen, am Horizont immer neue Berge, faltig und gekerbt wie die Haut eines Elefanten. Mitten in diesem staubigen Nichts hat die Polizei jetzt eine Sperre errichtet, hinter der das Gelände der Mine beginnt und das Camp "Esperanza", Hoffnung: das Zeltlager der Familien der verschütteten Bergleute. Ein Durcheinander aus Zelten, Containern, Feuerstellen und Dixi-Klos. Chilenische Fahnen überall und unzählige kleine Altäre, die die Familien errichtet haben.

Doch das Chaos hat eine innere Ordnung, jede Familie hat ihren festen Platz, mittags und abends fährt ein Bus nach Copiapó, dreimal am Tag kochen freiwillige Helfer für alle, unterstützt von der Gemeinde. Gegessen wird in einem großen Gemeinschaftszelt, das Speisesaal, Fernsehraum und Kirche in einem ist. Es gibt Strom, Internet, sonntags eine Messe und jeden Abend einen großen Topf heiße Schokolade für die Kinder.

250.000 Peso, die erste Gewinnstufe.
"Lilian, reden wir ein bisschen über diesen komplexen Moment. 17 Tage wussten Sie nichts über das Schicksal Ihres Mannes."
"Es war furchtbar, die Tage vergingen, viele hatten die Hoffnung schon aufgegeben, aber ich habe immer gesagt: Mein Mann und seine Kameraden leben."
"Wie haben Sie die gute Nachricht erfahren?"
"Ich hatte gerade zu Mittag gegessen, als ich jemanden rufen hörte: Sie leben! Ich stand auf, stieß einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht."
Der Moderator zeigt einen Brief in die Kamera. "Hat Sie Ihr Mann mit diesem Liebesbrief überrascht?"
"Sehr. Mein Mann sagt nicht ständig ›Ich liebe dich‹ und solche Sachen. Er war ein bisschen sauer, dass ich den Brief öffentlich vorgelesen habe. Aber das war es wert."
"Wunderbar. Legen wir den Brief zur Seite, und spielen wir weiter! Welcher argentinische Sänger starb Anfang 2010 und trug den Spitznamen ›der Zigeuner‹?"