Nichts könnte einen vorbereiten auf diese Erscheinung. Wenn ihr Name fällt, wird der Kopf überschwemmt von Bildern, Ingrid Betancourt als strahlende Abgeordnete, mit 41 Jahren die erste Präsidentschaftskandidatin Kolumbiens. Ihr Abbild auf allen Fernsehkanälen, es ist der 23. Februar 2002: Betancourt entführt! Ihr Bild am Pariser Rathaus, überlebensgroß, Betancourt steckt in einem alten Männer-T-Shirt, sie hockt auf einer Bank im Urwald, die strähnigen Haare reichen bis zur Taille, das Gesicht eine Maske. Es ist Sommer 2007 und dies das erste Lebenszeichen nach vier Jahren der Ungewissheit, ob sie noch lebt. Ingrid Betancourt in einer Armeejacke. Sie kommt eine Treppe aus einem Flugzeug herunter, ihrer Mutter entgegen, die auf dem Rollfeld des kolumbianischen Militärflughafens Catam auf sie wartet, es ist der 2. Juli 2008, und Betancourt ist frei, dank einer spektakulären Rettungsaktion der Armee. Und jetzt ist sie hier, in Manhattan, New York, sie tritt ins Zimmer, eine sehr kleine Frau.

Sie trägt ein Etuikleid aus puderfarbenem Seidenvoile. Ihre Haare sind zurückgesteckt, zwei Perlenstecker. Kaum Make-up. Keine Kette, keine Uhr. Kein Ring, kein Armband. Kein Nagellack. Das ärmellose Kleid ist tief ausgeschnitten, man sieht den Ansatz ihrer kleinen Brüste, das zu erwähnen könnte einen falschen Eindruck erwecken. Der Körper sieht mit seiner hellen Haut fast durchsichtig aus, selten sah man jemanden so unangetastet, so makellos.

Mehr als sechs Jahre lang war Ingrid Betancourt in der Gewalt von Geiselnehmern der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, über diese Jahre in den Lagern der Farc hat sie ein Buch geschrieben, Kein Schweigen, das nicht endet (Droemer Verlag, 22,99 €). Sie erzählt, wie sie in der Dunkelheit des tropischen Urwalds lebte, mit dem Hals an Bäume gekettet, bedroht von Spinnen, Skorpionen, Ameisen, dem Hass der Farc-Rebellen ausgeliefert und dem Mobbing von Mitgefangenen, wie sie vom Fieber geschüttelt wurde, die Haut voller Ekzeme, ihre Seele von Sehnsucht nach dem Leben gemartert. Jetzt steht sie hier, und ihr Auftritt sagt – Nichts hat man mir anhaben können. Ich bin unbeschädigt. Ich habe es überlebt!

DIE ZEIT: Sechs Jahre lang waren Sie in der Gewalt der Rebellen der Farc. Kaum befreit, kehren Sie im Geiste in den Urwald zurück, um dieses Buch zu schreiben. Warum tut man sich das an?

/Ingrid Betancourt: Ich wollte meiner Familie erzählen, was ich erlebt hatte, aber ich konnte darüber nicht sprechen. Immer brach ich in Tränen aus. Ich wollte nicht weinen, es verdarb die kostbaren Momente, die ich mit meinen Kindern endlich hatte, also schwieg ich und versuchte es mit diesem Buch.

ZEIT: Als Sie entführt wurden, war Lorenzo ein 13-jähriger Junge und Mélanie 16 Jahre alt, Sie hatten schon Jahre getrennt von ihnen gelebt, sie waren im Ausland, während Sie in Bogotá Politik machten.

Betancourt: Ich brachte sie zu ihrem Vater, von dem wir getrennt lebten, weil es in Bogotá zu gefährlich für sie war. Ich dachte, es wäre nur ein Übergang.

ZEIT: Es kamen aber Jahre der Geiselhaft.

Betancourt: Als ich wiederkam, waren sie ausgezogen von zu Hause. Ich war nicht da, als es für die Kinder wichtig gewesen wäre, dass ihre Mutter mit ihnen redet. Als ich wiederkam, war die Zeit vorbei. Einmal kam meine Tochter zu mir und sagte, all die Jahre, die du weg warst, musste ich mir aus meinen Erinnerungen eine Mutter zusammenreimen.

ZEIT: Sie waren eine Phantommutter geworden.

Betancourt: Ja. Ich verstand, dass nicht nur ich, sondern wir alle Opfer waren.