Die Kinogeschichte trägt kurze Hosen, runde Brillengläser und lächelt. "Ich wollte Ihnen mit den Shorts halt a bissel was bieten, wenn Sie schon von so weit her gekommen sind", sagt Eric Pleskow und schaut an seinen Beinen hinunter. Schon am Telefon hatte sein Wienerisch so angenehm geklungen. Wir stehen auf dem Bahnhofsparkplatz von Westport, Connecticut, eine Zugstunde von New York. Eric Pleskow zeigt auf seinen roten Lexus und sagt: "Jetzt gehen wir erst mal was Richtiges essen!"

Das ist er also. Eric Pleskow, Wiener Jude, Emigrant. Hollywoodlegende. Zehn Oscars allein für den besten Film gewann das Studio United Artists während seiner Ägide, unter anderem für Einer flog über das Kuckucksnest, Der Stadtneurotiker, Das Schweigen der Lämmer. Er arbeitete mit Billy Wilder, Coppola und Scorsese, verhalf dem tschechischen Emigranten Milos Forman zum Neubeginn in Hollywood, entdeckte Sylvester Stallone und Oliver Stone. In seinen Anfängen als europäischer Verleihchef in Paris, der auch für die Koproduktionen von United Artists verantwortlich war, ermöglichte Pleskow Filme von Fellini, Pasolini, Truffaut und Bertolucci. Kurz: Ohne Eric Pleskow würde der Wind durch die Löcher der Kinogeschichte pfeifen. Und jetzt sitzt er bei Gold’s, einem jüdischen Imbiss in Neuengland, und sagt ein bisschen lakonisch, die Gegenwart sei ihm doch sympathischer als die Vergangenheit.

Von Vergangenem zu sprechen bleibt aber nicht aus bei einem Mann, der 1924 in Wien als Sohn eines russisch-jüdischen Einwanderers geboren wurde und damals noch Erich Pleskoff hieß. Der 1939, drei Tage vor Kriegsausbruch, mit seinen Eltern von Wien über Paris in die USA entkommen konnte. Der in New York zur Schule ging, bei einer kleinen Filmfirma als Cutter für Dokumentarfilme jobbte und als Soldat in die Filmabteilung der Armee versetzt wurde. Nach dem Krieg, mit gerade mal einundzwanzig Jahren, wurde Eric Pleskow amerikanischer Filmoffizier für Bayern. Wie war es für einen so jungen Mann, in ein Land zu kommen, in dem seine Familie noch wenige Monate zuvor ermordet worden wäre? "Ich hatte keinen Hass", sagt Pleskow. "Und die Deutschen waren immer noch besser als die Österreicher, die ja sozusagen über Nacht zu Hitler übergelaufen sind. Die wollten ja beweisen, dass sie die besten, brutalsten, schönsten Nazis sind."

Pleskow baute das deutsche Kino- und Verleihwesen mit auf, auch die Produktionsgesellschaft Bavaria, er vergab Lizenzen an neu gegründete Filmfirmen wie die Constantin. "Ich habe mir damals einen Schnurrbart wachsen lassen, um älter zu wirken", erzählt er. "Ich hatte Angst, dass man mich sonst nicht ernst nimmt. Mögen Sie eingelegte Gurken?" Eine ältere Kellnerin mit pink geschminkten Lippen, die zu Pleskow "Honey" sagt, nimmt unsere Bestellung auf. Pleskow bestellt Gurken, Krautsalat, Sandwiches, Diät-Cola. Irgendwie wirkt dieser verschmitzte 86-Jährige wie zu Hause in dem jüdischen Deli. Und für einen winzigen Augenblick ahnt man, dass seine ironischen Witzchen, die immer aus einer anderen Ecke kommen, auch eine Art Deckung sind.

Nachts schaut er sich allein im Filmlager die Nazi-Propagandafilme an

Eine Villa der Jahrhundertwende wurde zu seinem Münchner Wohn- und Arbeitsort. Das Haus war eine Art Salon, ein Treffpunkt für Künstler, mit denen sich Pleskow anfreundete: Hans Albers und seine jüdische Frau Hansi Burg, die im Exil überlebt hatte, Erich Kästner, der Dirigent Georg Solti. Pleskow war aber auch für die Entnazifizierung der deutschen Filmschaffenden zuständig. Wer weiter arbeiten wollte, musste einen Fragenkatalog beantworten und gegenüber Pleskow Rechenschaft ablegen. Schauspieler und Regisseure wie Helmut Käutner, Erich Engel und Paul Verhoeven bekamen durch ihn ihre Arbeitserlaubnis. Es seien aber nicht viele gekommen, sagt Pleskow, "weil sie wussten, dass ich es ihnen nicht leicht machen würde. Die Söderbaums und Harlans hätte ich ja hochkant rausgeschmissen."

Nachts schaut sich Pleskow im Filmlager mutterseelenallein die von den Amerikanern beschlagnahmten Produktionen an. Er sucht in Wochenschauen nach Kulturgrößen mit Naziverstrickungen. Und er sieht die Propagandafilme, darunter Veit Harlans antisemitisches Machwerk Jud Süß. "Diese Nazi-Filmnächte waren schon ein bissel gespenstisch", sagt Pleskow. "Aber ich musste ja wissen, worüber ich urteilte. Und Jud Süß war halt ein Film, dessen Mitwirkende allesamt schwer belastet waren."

Eines Tages steht Ferdinand Marian, der in Harlans Film den lüsternen Juden spielte, bei Pleskow im Büro. "Er war ein feiner Kerl und sprach so ein schönes Deutsch mit Prager Einfärbung. Er erzählte mir, er habe die Rolle nicht spielen wollen, doch Goebbels habe ihn dazu gezwungen. Ich habe dann gar nicht weiter nach der Bedrohung gefragt, denn meistens kam die immer gleiche Geschichte, dass man sonst im KZ gelandet wäre." Marian habe wohl mit seiner Entnazifizierung gerechnet, weil er nicht in der Partei gewesen sei, sagt Pleskow. "Das habe ich aber nie schematisch gesehen. Ich bin auch nie nach einem Fragenkatalog vorgegangen. Wegen meiner Geschichte hatte ich einen großen Hass auf Formulare. Ich habe mich einfach mit den Leuten länger unterhalten und versucht, sie als Menschen einzuschätzen, auch jenseits ihrer Rolle in der Nazi-Filmmaschine. Das war auch bei Ferdinand Marian so, den ich wirklich sympathisch fand." Hatte Marian Schuldgefühle wegen seiner Filmfigur, die den Antisemitismus der Deutschen aufgepeitscht hatte wie keine andere? "Er sagte mir, er hätte große Gewissensbisse", sagt Pleskow. "Und das habe ich ihm auch abgenommen."