Er hat also einen weiteren "kalifornischen" Roman geschrieben, einen leichteren, witzigen, der irgendwann auch wieder zu Ende ist. Einen in der Art von Vineland (1990), komödiantisch und flapsig – im Kontrast zu den großen, sublimen Werken wie Mason & Dixon (1997) oder Gegen den Tag (2006). Pynchons neuestes Meisterwerk, Natürliche Mängel, spielt an klar umrissenem Orte, in Los Angeles am Ende der Flower-Power-Zeit – und es kommt mit einer ebenso klar umrissenen, überaus identifikationsfähigen Hauptfigur aus, mit einem kiffenden Privatdetektiv namens Larry "Doc" Sportello. Es hat eine Handlung und hält sich weitgehend an das Muster der Detektivgeschichte.

Doc Sportellos Ahnen sind die Helden Hammetts und Chandlers sowie unzählige Seriendetektive nach ihnen, die alle auf der Grenze zwischen dem sonnenbeschienenen und dem dunklen L.A. balancierten. Der Erfolg dieses Buches ist gesichert. Pynchon, der ja schon mal bei den Simpsons auftrat, hat auf YouTube einen Werbetrailer für Natürliche Mängel besprochen. Über die Filmrechte soll bereits verhandelt werden. Wer soll einen Kinofilm nach Pynchon drehen – und wer darin spielen?

Besuche aus der Vergangenheit sind immer eine freudige Überraschung, und sie bedeuten doch nichts Gutes. Sportellos Fall – in Wirklichkeit ist es eine große Reise – beginnt, als seine Exfreundin Sashta auftaucht und erzählt, dass sie mit einem stadtbekannten Immobilienmogul namens Michael Wolfmann lebt, der aber leider verschwunden ist, vermutlich entführt wurde. Wolfmann ist eine seltsame Figur, Jude und doch Nazi, Sexmonster und doch irgendwie liebenswert, Kapitalist und Wohltäter zugleich, kurz: Schon der Gegenstand der Suche ist ein ziemlich mehrdeutiges Phänomen. Dann wird auch noch einer aus seiner rechtsradikalen Bewachertruppe ermordet, und Doc Sportello ist verdächtig nah dran am Geschehen.

Sein alter Widersacher ist Lieutenant Bigfoot Bjornson. O ja, Bigfoot hasst die Blumenkinder, und er warnt Doc, hier "in etwas reinzuschlittern, was so real und so tief ist, dass du deinen nutzlosen Hippiearsch da nicht mehr raushalluzinieren kannst". Denn die Dinge verwirren und verschlingen sich. Etwas Monströses geht vor. Doc gräbt sich hinein in die große Verbrechens-, Drogen-, Entertainment- und Bewusstseinslandschaft von Los Angeles, sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, aber vielleicht ist der Wald auch nur eine weitere zu seiner Täuschung errichtete Kulisse?

Es geht durch Stripbars und Kifferhöhlen, in denen die Wasserbetten platzen, es geht in die Casinos von Las Vegas und in Wohnsiedlungen in der Wüste, die nicht ganz von dieser Welt sind. Der Fall nimmt von Gordita Beach, wo Pynchon selbst einmal wohnte, seinen Ausgang, und er spült Doc Sportello durch das karmische Unglück von Los Angeles, ebenso wie an dessen geheime Chakra-Punkte.

Selbstverständlich ist das Buch bevölkert von den netten Pynchonschen Dödeln, die mit psychedelischen Drogen experimentieren und nun in ihren eigenen Welten leben. Aber ihre Zeit ist vorbei, "die ganze Ära des Leichtsinns" ist zu Ende nach den Morden von Charles Manson im August 1969. Der Roman spielt ein paar Monate später: Das Böse ergreift Besitz von L.A., in Gestalt einer rabiaten Landspekulation, in Gestalt des Rassenhasses, Ronald Reagans, Vietnams, der Surfnazis und des Heroins. Die Stadt fühlt sich unbehaglich, es liegt Unheil in der Luft, die hässliche Realität macht sich breit: "Hey! Wach auf, es sieht nur so aus, als würden hier Happy, Dopey und die anderen durch das Zauberreich hüpfen, aber in Wirklichkeit ist es das, was wir … ›Wirklichkeit‹ nennen."

In diesem Klima ist es die Urangst des Helden, auf die falsche Seite zu geraten, korrumpiert zu werden, seine Identität aufzugeben oder sich gar in einen Bösen zu verwandelt, in einen Spitzel, einen Kollaborateur oder gar in einen Cop. Syndikate bestimmen das Spiel hinter den Kulissen, Kartelle, Triaden, ihre Ziele sind unklar, die Regierung ist gegen sie machtlos.