Er hat den glänzenden Schädel eines immer Neugeborenen. Er steht unter der großen Glaskuppel des Museums für Hamburgische Geschichte, mit seiner gesteppten Baumwolljacke, und der Applaus umtost ihn, der Applaus hat den Klang von ungläubigem Jubel, von Verehrung, von vollkommener Erleichterung, da steht er, der Dichter Liao Yiwu, der 14-mal versucht hat, aus seinem Heimatland China auszureisen, und jetzt erst einmal hier ist, hinter dem langen, weiß gedeckten Tisch, und wirkt doch so ruhig. Ein Abend im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals. Normal ist nur, dass der Hamburger Regen über die Glaskuppel strömt und gluckst.

Liao Yiwu wurde im Jahr des Hundes geboren, 1958. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre gleich wieder gestorben, in der großen Hungersnot, die Mao Tse-tungs "Großer Sprung nach vorn" ausgelöst hatte, in der 30 Millionen Menschen starben. Man könnte sagen, dass es in Liaos Leben darum geht, nicht gleich zu sterben, so hat er die Not der Kindheit überlebt, die furchtbare Gefängnishaft, in der man den Regimekritiker in Einzelhaft 23 Tage lang mit auf den Rücken gefesselten Händen stehen ließ, Selbstmordversuche hat er überstanden und die Folter. Er hat sich als Straßenmusiker durchgeschlagen, mit der Flöte, die er von einem 80-jährigen Mithäftling bekommen hatte, er ist als Lkw-Fahrer zwischen Sichuan und Tibet gependelt und hat in den Pausen sein kleines privates Literaturstudium absolviert, John Keats und so weiter. Er hat ein Buch über die Menschen geschrieben, wie man sie im Gefängnis oder auf der Straße trifft, Freudenmädchen, Mörder, Kranke. Der Bodensatz. Er sei dem Gefängnis sehr dankbar, sagt er. "Als ich aus dem Gefängnis kam, fragte ich mich: Bin ich ein Dichter? Ein Verbrecher?"

Das Buch, das er schrieb, war die Antwort. Es zirkuliert in China nur in Raubkopien, hier liegt es auf dem Tisch, Fräulein Hallo und der Bauernkaiser (S. Fischer Verlag), gleich soll gelesen werden. Vorher nimmt Liao Yiwu die Flöte, die aus dem Gefängnis, er lässt sie flüstern, hauchen, weinen. Er steht da und hat in der Hand eine Reisschale, es ist eine tibetische Bettelschale, er umfährt sie mit einem Holzklöppel, und sie ist angefüllt mit Not und Verzweiflung, solche Töne jedenfalls steigen aus ihr hoch, dann öffnet Liao den Mund und macht Laute, die zum Glasdach hochsteigen, übertönt den Regen, er schreit, brüllt, sein Gesicht ist vollkommen verzerrt.

Wenn Liao singt, klingt es wie OOOOO oooooOO. Oder wie OOOouWOOO. Crescendo! Auch wer kein Chinesisch kann, versteht, dass es eine Klage ist.

Später, als die liebliche Laura de Weck das Kapitel Der Leichenschminker liest, zieht Liao eine Schnapsflasche raus, er füllt sein Glas und das seiner Übersetzerin, sie sitzen rechts auf dem Podium und stoßen an, während links im Buch erörtert wird, wie die verklemmten Kiefer eines Erschossenen aufzuhebeln sind, rechts wird nachgeschenkt, links die Unterrichtung, wie ein aus der Mundhöhle quellendes Madennest zu bändigen ist, alles herzhaft heruntergespült, während links die Szenen bedrückender werden, kommt rechts Fröhlichkeit auf, und noch ein Prost, während vom mysteriösen Verschwinden ganzer Muskelpartien bei Hungertoten berichtet wird, Waden, Pobacken, auf der anderen Seite neigt sich auch der Schnapspegel dem Bodensatz zu.

Aus Sichuan, erläutert Liao mit weicher Zunge, stamme die Hälfte des chinesischen Schnapses, der Schnaps sei ein Mittel, frei zu sein, "nur wenn Sie getrunken haben, mehr, als Sie vertragen, nur dann haben Sie das Gefühl, dass in Ihrem Herz nicht die Totenglocke läutet."

So geht es zu, bis zum Schlussapplaus, noch immer rauscht oben der Hamburger Regen, unten steht Liao, und Wasser strömt nun auch ihm über die Wangen wie vorher der Schnaps die Kehle runter. Am Ende sieht man, wie ein alter Hamburger names Wolf Biermann die Bühne hochklettert und den Chinesen in die Arme schließt, das Kölner Konzert verschmilzt mit der Hamburger Lesung, in diesem Moment scheint alles möglich.