Es bildet dort neue Verbindungen, wo es neue Eindrücke aufnimmt und lernt. Unstimulierte Areale bilden sich dagegen zurück. Unser Gehirn reformiert sich auf diese Weise bis ins hohe Alter, es lebt mit dem, was wir tun und erfahren. Oder eben nicht mehr ausüben. All das heißt, Menschen sind freier in ihrer Entwicklung, als sie früher dachten – aber eben auch nachhaltiger beeinflussbar.

Erst lenken wir die Technik, dann lenkt sie uns. Das gilt ansatzweise schon für Innovationen wie den Pflug oder den Wagen, die uns nur physisch stärker machen. Oder für das Mikroskop, das einen unserer Sinne verstärkt. Oder die Pille, die uns die Natur lenken lässt. Den größten Einfluss aber, sagt Nicholas Carr, übten "intellektuelle Techniken" aus, die wie die Schrift, der Buchdruck oder das Internet unsere geistigen Möglichkeiten erweitern. Das Buch verlangt und belohnt es, sich ganz auf seine Vorstellungswelt einzulassen. Doch im vergangenen Jahrhundert schon begann die elektronische Revolution dagegen: Radio, Kino, Plattenspieler, Fernsehen. Bloß konnten diese Medien das geschriebene Wort nur schwer übertragen, weshalb die Kultur immer noch von der Druckerpresse bestimmt wurde.

Jetzt nicht mehr. Jetzt bringt uns das Netz alle Worte und alle Bilder überallhin. Auf seine Weise. Nicht von Sender zu Empfänger, sondern in beide Richtungen. Nicht nacheinander, sondern nebeneinander. Nicht irgendwann, sondern sofort. Neue Handys bieten das Netz nicht nur an, sie ziehen seine Nutzer bei jeder Gelegenheit hinein, ohne dass sie auf etwas drücken müssten. Und das hat Folgen.

Das neue Medium ergänze niemals nur das alte oder lasse es in Frieden, wusste schon McLuhan, "es hört nie auf, das alte zu bedrängen, bis es eine neue Form und einen neuen Platz dafür gefunden hat". Und zumindest bei den Pionieren, den Amerikanern nämlich, lässt sich schon sagen, dass sie wegen des Internets nicht weniger fernsehen oder Radio hören – sie lesen weniger gedruckte Worte. Und im Netz ändert sich langsam der Inhalt. E-Romane mit integrierten Videos werden ebenso entwickelt wie E-Magazine mit ihren verlinkten Zusatzangeboten. Und Mails sind wunderbar, samt den beigefügten Fotos, Videos, Links. Nur Briefe waren sie noch nie.

Wie sich durch das Netzleben – durch fortwährende Unterbrechung und Neuverbindungsmöglichkeit – das Gehirn neu formt, zeichnen die Hirnforscher nach. Das alte Lesen und das neue Surfen sind zwei verschiedene Vorgänge. Im Netz lernt das Gehirn, rasend schnell einen neuen Eindruck zu beurteilen und zu entscheiden, ob man bleibt oder geht. Es ist fantastisch, zu sehen, wie zügig wir lernen, die Web-Seiten zu erfassen und darin zu navigieren. Da entsteht etwas im Gehirn. Doch der Surfer wird eben auch abgelenkt davon, einen einzigen Text oder eine einzige Information aufzunehmen.

Er erfasst intuitiv mehr, doch er versteht insgesamt weniger.

Kann es also sein, dass unser Kurzzeitgedächtnis stärker wird, das Langzeitgedächtnis, in dem wir die Dinge dauerhaft behalten und tiefer verstehen, jedoch schwächer? Studien liefern Indizien dafür und sagen, dass wir weniger behielten und lernten, wenn wir eine Geschichte auf Netzart lesen. Das Gehirn werde auf Effizienz im Sinne des Netzes gedrillt – und lerne, leichter über die Dinge hinwegzugehen. Und, so schreibt es Carr, "wenn wir mit dem Web das persönliche Gedächtnis zu ersetzen beginnen, wenn wir dadurch nicht mehr zulassen, dass sich das Wissen konsolidiert, dann riskieren wir, unser Gehirn seines Reichtums zu berauben". Schlimmstenfalls erodiere unsere Fähigkeit, tiefere Probleme selbst zu lösen, sich in die Gedankenwelt anderer hineinzuversetzen und mitzuempfinden. Bis dahin ist es noch ein Stück, doch das Netz wird stärker. Die Kraft hinter der Entfaltung des neuen Mediums ist die Wirtschaft. Der immer neue Klick, das ist es zum Beispiel, wovon der Netzkonzern Google lebt. Und über die Kritik an Google kam Nicholas Carr zu seinem Thema. Der Konzern lese Millionen Bücher für die Verbreitung über das Netz ein, doch dort würden sie dann zu einzelnen Zitaten, Passagen, Eindrücken zerstückelt.