Fünf Uhr früh, Hafen Friedrichskoog in Schleswig-Holstein. Der kleine Fischkutter Möwe legt ab. Höchste Zeit – wenig später wäre die Nordsee fort gewesen. Und wir hätten bis zum nächsten Hochwasser auf dem Trockenen gesessen. Nun dieseln wir übers Wattenmeer. Sonne, Wasser, Möwengeschrei – das erste Bier wird geköpft. Die Priele, durch die das Wasser abfließt, werden immer mehr zu reißenden Bächen und Flüssen. Langsam wachsen Sandbänke aus dem Meer, auf denen sich Robben tummeln. Das sind traumhaft schöne Momente.

Peter Dorn hat das kleine Grundnetz – das gesetzlich verordnete Erkennungsmerkmal der Freizeitfischer – hinterm Heck ins Wasser gelassen. Die Möwe pflügt mit Vollgas den Schlick. Die Nordseegarnelen, unter Touristen nur als Krabben bekannt und beliebt, versuchen zu fliehen und verfangen sich im Netz. Mit Motorhilfe wird der zappelnde und zuckende Fang an Bord gehievt und ausgekippt. Über ein Förderband gelangt er in ein vibrierendes Sieb, das am Heck hängt. Was zu klein ist, fällt durch, was zu groß ist oder nicht gemeint, sortieren die Fischer aus. Krebse, Schollen, Jungfische plumpsen zur Freude der Möwen wieder ins Wasser. Die Krabben werden in einem großen edelstählernen Gaskocher gebrüht, wobei sie ihre orange Farbe annehmen. Dann beginnt die Besatzung mit dem Pulen, futtert die Meerestierchen wie Erdnüsse und feiert den guten Fang mit einem zweiten Bier.

Neben Strand und Wind und dem Witz, dass das Meer aber auch immer genau dann weg ist, wenn man hinkommt, gehören Fischkutter im Hafen und Krabben in der Tüte zum touristischen Gesamtpaket Nordsee. Findet man dann noch einen Fischer, der einen auf Fangfahrt mitnimmt, ist das Nordseeglück perfekt. Doch von diesem Glück wird man bald nur noch in alten Reiseberichten lesen können. Von Ost- bis Nordfriesland, von der niederländischen bis zur dänischen Grenze gibt es ein Wort für die Misere, die sich wie eine ansteckende Krankheit zu verbreiten scheint: das Kuttersterben.

In Friedrichskoog wird die Möwe bald zur letzten Fahrt aufbrechen. Die großen Kutter der Profifischer nutzen den gezeitenabhängigen Hafen schon lange nicht mehr. Sie bringen ihren Fang nach Büsum, wo man auch bei Ebbe einlaufen kann. Und jetzt geht es den noch verbliebenen Friedrichskooger Freizeitfischern an den Kragen. Weil die Kieler Landesregierung sparen muss, will sie kein Geld für das Ausbaggern des Hafenbeckens und der Fahrrinne ausgeben. Stattdessen soll gleich der ganze Hafen dicht gemacht werden. Derzeit sieht es in dem Ort aus wie in Gorleben vor einem Castor-Transport. Protestplakate überall. "Hafen platt, nur noch Watt?", "Lebensader Hafen – Friedrichskoog kämpft", "Früher kämpften die Fischer gegen Sturm und Flut, heute gegen Beamte und Politiker!" Ein schwarzer Holzsarg trägt die Aufschrift: "Hier ruht das Vertrauen zu PHC". Damit ist der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Peter Harry Carstensen gemeint.

Während in Friedrichskoog ein Landesminister dafür eintritt, den Hafen zuzuschütten, sorgt die große Politik an der ganzen Küste für das Kuttersterben. Auch in Tönning, ein paar Kilometer nördlich von Friedrichskoog, gelten seit Frühling neue Verordnungen, die in Brüssel ersonnen wurden, um Thunfisch oder Dorsch besser zu schützen. Das ist ein Schlag für die Freizeitfischer. Als der Tönninger Rentner und vormalige Fernfahrer Horst Schardelmann Ende Juni vom Krabbenfang aus dem Watt zurückkam und seinen kleinen Kutter wie immer im Hafen festmachte, um drei Kisten "Nordseegarnelen" beim Fischgroßhändler abzugeben, konnte er es gar nicht fassen: Er sollte, beschied ihm der Händler, seine Krabben wieder mitnehmen. Schardelmann sei ein Freizeitfischer, und als solcher dürfe er ab sofort seine Fänge nicht mehr verkaufen. Frustriert und sauer zog der Fischer samt seinen Krabben ab. Eigentlich hatte die EU übereifrige Thunfischer gemeint, die den Freizeitbegriff arg strapazieren und so ganze Fischbestände gefährden. Getroffen wird aber auch der kleine Krabbenfischer aus Tönning, der mit den paar Euro für die Krabben bisher wenigstens Liegeplatz, Bootsreparaturen und Diesel bezahlen konnte. "Ein Plus ist da nicht bei rausgekommen", sagt Schardelmann. Anstatt ins Boot zu investieren, hätte er zweimal im Jahr in Urlaub fahren können. Doch für ihn und seine Kollegen gebe es keinen sinnvolleren Zeitvertreib, als mit dem kleinen Grundnetz unterwegs zu sein. Außerdem: "Ich möchte meine eigenen Krabben und Fischfrikadellen essen."