Die Bühne liegt im Halbdunkel. Ein zerbrochener Spiegel, ein Sofa, in das eine misshandelte Puppe und die 30-jährige Suzan gedrückt sind. Suzan ist wieder Kind. Sie lacht und weint und singt ein wenig wie die isländische Sängerin Björk. "Willst du, dass wir verhungern", hört man ihre Familie im Hintergrund sprechen, "das schöne Geld …!" Suzan ergreift die Zuschauer mehr noch als vor ihr schon Jonny und Jao. Die drei Filipinos spielen ihr eigenes Schicksal: Straßenkinder, Sexsklaven für Touristen. Nach der Vorstellung sagt Suzan: "Erst durch das Theater habe ich gelernt, dass ich nicht schuld bin an … meinem Missbrauch."

Suzan und die Kinder, bei deren Betreuung sie heute hilft, leben über dem Südchinesischen Meer. Steile Stufen aus unbehauenem Stein winden sich den Bergwald hinauf, vorbei an Hütten, für die Terrassen aus dem Felsboden geschlagen sind. Die Treppen und das Projekt, das sie verbinden, wirken so, als ob Sisyphus bis hierherkam. Nach Puerta Galera auf der Insel Mindoro. Dann aber trifft man auf Lars Jorgensen, der keine vergeblichen Mühen kennt: "Diese Verbrechen überschreiten alle Grenzen und machen mich rasend", sagt er, "wir müssen den Opfern ihre Selbstachtung zurückgeben. Bei der ›Stairway Foundation‹ sollen sie ihre Kindheit wieder erlernen."

Stairway, das "Treppenhaus": Mit bloßen Händen haben sie zu bauen begonnen, der 50-jährige Däne Jorgensen und Monica D. Ray, seine schöne, dunkelhäutige Frau aus den USA. Von Taiwan, wo sie Englisch unterrichteten, kamen sie hierher zum Urlaub. Das war 1988, als Europa noch schlief, während viele seiner Priester und Lehrer in den Internaten ihre Zöglinge peinigten. Lars und Monica entsetzte der Missbrauch von Kindern auf den Philippinen, das Schweigen der Gesellschaft. Sie blieben. Bauten eine Hütte ohne Strom und Wasser, schlugen die ersten Stufen in den Hang, pflanzten Bäume mit einheimischen Helfern, fuhren zwischendurch nach Taiwan zum Geldverdienen. 1990 gründeten sie die Stairway-Stiftung und ließen die Straßenkinder zu sich kommen, ans Meer. Mit Tuberkulose, Krätze und all den Verletzungen des Missbrauchs. Erlitten in den beengten Verhältnissen ärmster Familien, in den Straßen des Molochs Manila, in den Reha-Zentren der Regierung, wo auch das Wegsperren nicht vor Gewalt schützte.

Am "Treppenhaus" stehen keine Zäune. Von den Hängen ringsum melden sich helle Stimmen. Die Kinder sammeln heute Müll und erfahren dabei von einer dänischen Studentin, warum er getrennt wird. Später übergießen sie einander im Badehaus mit Kübeln frischen Wassers aus den Bergen, das in Tanks gespeichert wird. Bei Sonnenuntergang üben sie Saltos am Strand. 14 Jungen zwischen 12 und 17 Jahren. "Es sind niemals mehr", sagt Lars, "wir müssen ja alle therapieren, ihnen Lebenstraining und formale Erziehung bieten." Längst haben sich viele Helfer gefunden: Studenten aus Südasien, der Lehrer und Computerfreak aus Mexiko, der seit Jahren vorbeischaut, die Rentnerin aus Dänemark, die immer wieder an die Nähmaschine hier zurückkehrt und ihre Kunstfertigkeit weitergibt. Auch Suzan, Jao und Jonny vom Stairway-Theater haben bei Lars tagsüber Arbeit gefunden, Jonny betreut die Kinder als Hausvater. Zehn Monate bleiben die Jungen, dann kommen sie zu Paten, die Stairway angeworben hat, oder in ein Heim der katholischen Ordensgemeinschaft Dombosco. Nichtregierungsorganisationen begleiten das Projekt; die erste Unterstützung kam vor 15 Jahren aus Duisburg von der Kindernothilfe. So fand Monica D. Ray die Zuschüsse für ihre drei Zeichentrickfilme über Inzest, Pädophilie und Kindersex-Handel. Auf den Festivals für Animationsfilme haben sie vier erste Preise erhalten, sie sind Lehrmittel in ganz Südasien geworden.

Suzan, Jonny und Jao, die Straßenkinder von einst, gastierten für das Stairway-Theater schon im Ausland. Einmal, in Indien, wo der Kindesmissbrauch ein besonderes Tabu ist, erhob sich nach ihrem Auftritt ein Mann aus dem großen Auditorium. "Ich bin 65 Jahre alt", sagte er. "Habt Dank. Auch mich hat man als Kind missbraucht. Hier spreche ich das zum ersten Mal im Leben aus."