Es hätte ja auch ganz anders kommen können, im Sachsen des Jahres 1990. Da gab es eine Frau, die für die SPD als Ministerpräsidentin kandidierte. Da gab es einen Mann, der einen sächsischen Landesverband der CSU gründete – und da war drittens eine Gruppe Leipziger Hochschullehrer, die einen alternativen Verfassungsentwurf vorlegten. Drei Episoden der Geschichte als Möglichkeit:

Hauptsache Italien!

Anke Fuchs hatte sich Italien gewünscht, aber dann wurde es doch nur das Erzgebirge. Man teilte ihr einen Platz in einem Studentenwohnheim in Freiberg zu, Winklerstraße 10, und von dort also sollte sie, die ehemalige Bundesministerin, die Bundesgeschäftsführerin der Partei, die sächsische SPD mit ihrer großen Vergangenheit in eine noch größere Zukunft führen. An den Einfallstraßen auf dem Weg nach Dresden konnte sie diese Zukunft auf überlebensgroßen Plakaten sehen: Ihr Name stand darauf und: "Unsere Ministerpräsidentin". Es war der Herbst 1990. Anke Fuchs glaubte diesem Wahlversprechen ihrer Partei, es war ja auch ein Versprechen an sie selbst.

Sie hätte auch Schwerin oder Magdeburg haben können, aber Anke Fuchs hatte sich für Dresden entschieden, weil ihr zweiter Gedanke nach der Anfrage der Genossen aus Sachsen gewesen war: "Mensch, Dresden, das ist doch kulturell interessant, und es liegt auch näher an Italien, da kann man sicher gut leben." Zuvor hatte sie nur gedacht: "Oh Gott, das ist eine komische Sprache, wie gehe ich damit um?"

Drei Monate zog sie, die Hamburgerin, durch das ihr fremde Land und jubelte sich in den Wahlkampf hinein. Biedenkopf galt allen als sicherer Sieger, glaubte sie wirklich an ihren Erfolg? "Wir dachten", sagt Anke Fuchs heute, "wir könnten Sachsen gewinnen. Das war auch ein bisschen naiv."

Die Arbeitnehmerschaft, um die sie hatte werben wollen, die "war natürlich kommunistisch erzogen und fand nicht alles toll, was aus dem Westen kam". Die Arbeitnehmerschaft fand auch Anke Fuchs nicht toll, ihre Prominenz galt im Tal der Ahnungslosen wenig. "Die Leute in Dresden und Leipzig", sagt sie, "hatten kein Westfernsehen sehen können. Sie kannten mich lange nicht so gut, wie wir gedacht hatten." Ihren Gegner aber kannten und mochten die Leute: Kurt Biedenkopf war nicht mehr nur der CDU-Mann aus dem Westen, er war, ein bisschen zumindest, auch der Professor aus Leipzig. Und er wäre nicht zum König von Sachsen aufgestiegen, wenn die SPD jemand anderen nominiert hätte, glaubt Anke Fuchs. Bei der CDU galt Klaus Reichenbach, Minister im Kabinett de Maizière, als wahrscheinlicher Kandidat für die Landtagswahl am 14. Oktober. "Aber dann", sagt Fuchs, "kam meine Kandidatur, und dann hat die CDU größeres Geschütz aufgefahren."

Wenn das wahr ist, dann hat Anke Fuchs damals Geschichte gemacht – wenn auch nicht so, wie sie wollte. Das Geschütz jedenfalls schlug durch: 53,8 Prozent, absolute Mehrheit, der Rest ist bekannt. Die SPD holte 19 Prozent, und "das war für mich damals schon eine Beleidigung", sagt Anke Fuchs. Sie sei zunächst nicht sehr tapfer gewesen, und ihre Partei war es offenbar auch nicht. Einer aus der Führung in Sachsen habe hinterher gesagt: "Wie konnte man nur eine Frau nach Sachsen schicken!" 

Die Niederlage, die natürlich auch ihre Niederlage war, sieht Anke Fuchs differenzierter. Die Leute hätten mit der SPD gehadert, weil diese sich nicht gleich geöffnet habe für die vielen Menschen, die in der SED organisiert waren. Und dann sei ihre Partei in den Konkurrenzstrudel mit dem charismatischen Biedenkopf und der PDS geraten, welche die "alten SED-Strukturen nutzen und in der Fläche für die Menschen da sein" konnte.

Die Schlappe war erst ein paar Tage her, da verließ Anke Fuchs den Osten schon wieder – so nah liegt Sachsen nun auch wieder nicht an Italien und auch nicht am Herzen von Anke Fuchs. Heute ist sie Vorsitzende der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin und das Abenteuer Sachsen eine ferne Erinnerung, ein Kapitel neben vielen anderen ihres politischen Lebens. Sie war vor allem wegen ihrer Partei in den Osten gegangen, nicht so sehr wegen des Ostens selbst.

Umso erschreckender muss es für Sachsens SPD sein, dass Anke Fuchs noch immer einen Rekord hält – ihre 19 Prozent sind bis heute das beste Ergebnis bei Wahlen zum sächsischen Landtag. "Es ist nicht gelungen", sagt Anke Fuchs, "die Partei stark aufzustellen. Wir haben es nicht geschafft, uns in der Gesellschaft zu verankern."

Vielleicht fehlt den sächsischen Genossen auch der Mut zur Macht, so heißt ein Buch von Anke Fuchs, erschienen im September 1991. Bei der Präsentation des Werkes in Bonn half ihr damals ein Politiker, der viel Mut zur Macht bewiesen hat – der Ministerpräsident des Freistaates Sachsen. Sein Name: Kurt Biedenkopf.