Vorne links, gleich in der ersten Reihe, sitzen drei Mädels im Lisbeth-Salander-Look. Gepiercte Lippen und Nasen, Nietenhalsbänder, Fledermaus-Tattoos zwischen Schulterblättern, Punk-Frisuren in Knallgelb bis Dunkelblau und – wie Stieg Larssons Romanheldin – entschieden auf Krawall gebürstet. Sigmar Gabriel liebt Krawall.

Rheinland-Pfalz hat die Hauptschulen abgeschafft, weshalb die drei Lisbeths nun die zehnte Klasse einer "Realschule plus" in Mainz-Lerchenberg besuchen. Das stinkt ihnen gewaltig. Mit Hauptschülern auf die gleiche Schule gehen! Schön, wenn die Politik nun die Schwächsten fördert – aber doch nicht auf ihre Kosten! Gabriels Augen funkeln. Er könnte sie nun niederwalzen, die Lisbeths, niederwalzen wie den TV-Moderator Thomas Leif, der ihn in seiner Talksendung mit Fragen nach Andrea Nahles’ Schwangerschaft ("selten dämliche Frage") und Frank-Walter Steinmeiers Nierenspende ("es wird nicht besser") gehörig auf die Nerven ging. Niederwalzen kann Gabriel prima. "Ich will euch mal ein bisschen provozieren", sagt der ehemalige Lehrer nun vor der Klasse. "Was ihr über die Hauptschüler sagt, das sagen Gymnasiasten über euch."

Ist das nun unverblümte Ansprache, oder wird Gabriel mal wieder patzig? Auf dem schmalen Grat zwischen Direktheit und Unverfrorenheit balanciert der 51-Jährige oft – und auch gern. Seine Abstürze haben Spuren hinterlassen in seinen Beliebtheitswerten. Gelingt der Balanceakt aber, so trifft Gabriel einen Ton, der selbst bei 16-jährigen Teenagern verfängt, die von Sicherheitsnadeln und Haargel zusammengehalten werden.

Sigmar Gabriel ist der 13. Vorsitzende in der Nachkriegsgeschichte der bald 150 Jahre alten SPD. Den Posten übernahm er im vergangenen November , als die Partei in Trümmern lag und eine Doppelfunktion als Rettungshelfer und SPD-Blauhelm zu besetzen war. Zwei Monate zuvor hatten die Sozialdemokraten die herbste Niederlage der Nachkriegszeit erlitten, den Absturz bei der Bundestagswahl auf 23 Prozent. Plötzlich war Gabriel, der Unstete, der Passende. Wer könnte die niederliegende Partei besser aufrichten als jemand, der schon mal gefallen ist? Wer ihr mehr Selbstbewusstsein eintrichtern als einer, der es im Übermaß besitzt? Wer sich effektiver als Ein-Mann-Friedensmacht zwischen den verfeindeten Parteiflügeln behaupten als jemand, der auf all diesen Flügeln schon mal gekämpft hat? Und wer wirkungsmächtiger auf den Widersacher einprügeln als ein Superschwergewicht, das jeden Schlagabtausch lustvoll annimmt?

Gabriel ist schon vieles gewesen in der SPD, jüngster Ministerpräsident aller Zeiten, jüngster Ex-MP aller Zeiten, verspotteter Pop-Beauftragter, der Kerl, mit dem auf Sommerfesten niemand mehr sprach, Möchtegern-Generalsekretär, Umweltminister von Münteferings Gnaden, der einzige Sozi, den Angela Merkel im Wahlkampf fürchtete. Jetzt aber könnte er auf einmal der nächste Kanzler sein. Kann er das?

Keinem anderen Spitzenpolitiker werden so unterschiedliche Fähigkeiten und Eigenschaften nachgesagt wie Gabriel. Hochintelligent, eselsstur, schlagfertig, verschlagen, rhetorisch brillant, politisch beliebig, sprunghaft, kreativ, launig, unberechenbar, ein Naturtalent, ein Populist, ein Hallodri. In der Wahrnehmung der Leute oszilliert Gabriel zwischen Kanzleramt und Gebrauchtwagenhandel. Die einen trauen ihm viel zu, die anderen alles. Warum eigentlich?

An diesem Sonntag wird Gabriel wieder am Rednerpult stehen, dem Platz, an dem er seine stärksten Auftritte hat. Auf einem Sonderparteitag wollen die Sozialdemokraten ihre Vergangenheitsbewältigung abschließen und wieder den Blick nach vorne richten. Lange genug haben die Leute den Genossen dabei zugeschaut, wie sie sich mit sich selbst versöhnen. Jetzt wollen sie wissen, was sie von ihnen politisch zu erwarten haben. Gabriel wird eine andere Rede halten müssen als bei seinem Antritt in Dresden , als er den Genossen die Untergangsstimmung teils ausgeredet, teils ausgeschrien hat. Dass er die Rampe beherrscht, den Platz, an dem der Lautsprecher die eigenen Leute einschwört, hat er dort bewiesen. Nun muss er zeigen, ob er mehr kann: in Inhalt und Stil so auftreten, dass die Genossen ihn als Kandidaten wollen – und die Menschen sich ihn langsam als Kanzler vorstellen können.

Die Gratwanderung ist seine Alltagsgangart, die Gefahr des Absturzes stets gegenwärtig. Als SPD-Chef wandelt Gabriel nun auf dem besonders schmalen Grat zwischen Popularität und Populismus. Er weiß, dass die Erholung der SPD weniger neuer Strahlkraft geschuldet ist als dem desaströsen Zustand der schwarz-gelben Koalition. Die Sozialdemokratie aus eigener Leistung heraus wieder attraktiv, wieder populär machen und gleichzeitig den Populismusverdacht gegen die eigene Person zerstreuen – diese Gratwanderung, seine wohl schwierigste, muss Gabriel gelingen, wenn nicht nur die SPD zu höchste Gipfel erklimmen soll, sondern auch er.