Eines der größten Versäumnisse der Modeindustrie war in den vergangenen Jahren die Laptoptasche. Seit den achtziger Jahren gibt es tragbare Computer, seit den Neunzigern gibt es praktisch niemanden mehr, der keinen besitzt. Aber noch heute hat sich keine It-Bag unter den Laptoptaschen hervorgetan.

Computer waren etwas, das die Designer nicht verstanden. Diese Datenkisten und das Internet, das aus ihnen heraussprudelte, waren ihnen zuwider. Mode sollte etwas sein, das zwischen der Fifth Avenue, der Strandpromenade von St. Tropez und den Jachtdecks vor Capri spielt. Mode sollte der ultimative Freizeitspaß sein, und nichts schien unschöner als eine Tasche, die nach außen sichtbar macht, dass das Leben auch aus viel Arbeit besteht, dass wir also montagmorgens mit einem elektronischen Gerät zum Schreibtisch ziehen müssen, der Werkbank des modernen Dienstleistungsarbeiters. Was sollte sexy an einer Tasche sein, die ihren Besitzer als Lohnsklaven entlarvt?

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Mit dem iPad hat sich da grundlegend etwas geändert. Es ist als Apparat selbst sexy. Jeder möchte gerne als iPad-Benutzer nach außen erkennbar sein. Und – Überraschung! – plötzlich gibt es passend zum neuen Objekt der Begierde auch jede Menge hübsche Hüllen. Von Louis Vuitton gab es den iPad-Schlüpfer im Monogramm-Stil, bevor es das iPad selbst gab (und er ist sogar um einiges billiger als der Inhalt). Salvatore Ferragamo hat eine umschlagartige Hülle entworfen. Der Designer Damir Doma hat für das Label Côte et Ciel gleich eine ganze Kollektion von Hüllen geliefert. Und Oscar de La Renta hat eine auf 100 Stück limitierte iPad-Clutch aus Pythonleder auf den Markt gebracht.

An der schwarzen Tafel aus dem Hause Apple wird deutlich, wie sehr heute Elektronik-Artikel Mode geworden sind. Es kommt nicht mehr nur darauf an, welches Gerät man mit sich führt, sondern auch, wie man es einkleidet. Egal ob iPhone, Blackberry oder Tablet-Computer, jedes Teil hat mittlerweile eine ganze Garderobe zur Verfügung.

Das bringt der Taschen-Industrie ganz nebenbei auch neue Kunden: Männer. Die versucht man schon seit Jahren eher erfolglos als Handtaschenträger zu gewinnen. Jetzt, wo es schicke iPad-Hüllen gibt, haben auch sie endlich ihre It-Bag gefunden. Oder sollte man besser IT-Bag sagen?