Niemand spricht von der Ära Honecker; etwa im Vergleich zur Ära Kohl. Man sagt auch nicht: "damals, in der DDR". Man sagt: "zu Ostzeiten", und hat damit einer Epoche die Stützräder der Unschuld angeschraubt. Einerlei, ob man erinnert, was es in der DDR nicht oder was es nur dort gab – immer schwingt eine verklärende Inbrunst mit. "Zu Ostzeiten" klingt, als würde man gleich etwas aus der großen Zeit der Schachtelhalme, Riesenlibellen und Kragenechsen in einem, trotz Dauerregens, fortwährend milden Klima erfahren. Als säße in dieser Kulisse wie auf einem Gemälde das Politbüro in hechtgrauen Anzügen auf Körben, voll mit Kuba-Orangen und Rotkäppchensekt – "zu Ostzeiten" weiß noch den Rahmen zu rühmen und ignoriert die Leinwand. Ach, wann ist der Osten endlich nur wieder Himmelsrichtung!

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