Als Victoria Ocampo 17 Jahre alt ist, braust es in ihr wie in fast allen Teenagerseelen: Von den Eltern missverstanden, kocht ihr Herz vor Sehnsucht und Verzweiflung langsam über. Glücklicherweise hat sie eine Freundin, der sie alles Leid mitteilen kann, die sie versteht, sie tröstet und bestärkt. Diese Vertraute ist neun Jahre älter und eine angehende Dichterin. Victoria schaut zu ihr auf, erfreut über die Anteilnahme, und schreibt ihr Hunderte von Briefen. "Das Einzige auf der Welt, was mir wohltut, das Einzige, was mich vergessen lässt, wie abscheulich das Leben manchmal sein kann, ist die Kunst", hält sie also im Sommer 1907 fest und erklärt anschließend: "Ich habe beschlossen, dass es in meinem Leben nur eine große Liebe geben soll: die Kunst!" Victoria weiß, dass das eher ungewöhnlich klingt für eine 17-Jährige, und fügt deshalb an: "Du kannst ruhig darüber lachen. Die Kunst wird mir natürlich nicht immer reichen. Und das Bedürfnis, jemanden zu lieben, quält mich schon. Solange ich aber nicht eine Begeisterung spüre, die mich mitreißt und die mir zeigt, wer ich selber bin, wird es dunkel um mich bleiben."

Aus Victoria Ocampo ist schließlich keine Künstlerin geworden: Schauspielerin durfte sie nicht sein, Dichterin wollte sie nicht sein, alles andere kam ohnehin nicht infrage. Weil sie aber trotz allem ihrer großen Liebe zur Kunst treu blieb, ist Victoria Ocampo doch zu einer legendären Figur der lateinamerikanischen Kultur geworden, zu einer Heldin der argentinischen Literaturgeschichte, zu einer schillernden Mischung aus Femme fatale, Muse und Feministin, die ihre geerbten Millionen unerschrocken für ein Traumprojekt hingab – die singuläre panamerikanische und sogar transatlantisch renommierte Literaturzeitschrift Sur, deren Herausgeberin sie mehr als vierzig Jahre lang war. Keine andere Lateinamerikanerin dürfte im 20. Jahrhundert mehr Künstlerfreunde in aller Welt gehabt haben als diese intellektuelle Drahtzieherin auf interkontinentaler Ebene. Sie brachte die literarische Entwicklung mehrerer Länder auf Trab, schrieb selbst zahllose Essays, gründete nebenbei die Argentinische Frauen-Union und wurde von Perón kurzzeitig in den Knast geworfen. Jorge Luis Borges war jahrelang ihr Redakteur, Le Corbusier lobte ihre selbst entworfenen Häuser, Igor Strawinsky spielte an ihrem Flügel, Sergej Eisenstein wollte mit ihr in Argentinien drehen. Als Victoria Ocampo Anfang 1979 starb, mit 88 Jahren, ging ein ebenso glamouröses wie kämpferisches Leben zu Ende, dessen Faszination bis heute anhält. Gerade ist im Aufbau Verlag eine schöne Auswahl von Ocampos autobiografischen Schriften erschienen: Mein Leben ist mein Werk, übersetzt, herausgegeben und ausführlich kommentiert von Renate Kroll – eine abenteuerliche Hochkultur-Telenovela zum Nachlesen.

Einer der zentralen Schauplätze darin ist die Villa Ocampo, der ehemalige Familiensitz, ein eklektisches dreistöckiges Herrenhaus mit zauberhaftem Garten hoch über dem Rio de la Plata nördlich von Buenos Aires. Die Unesco hat dort ein Kulturzentrum untergebracht, das heute Victorias Andenken pflegt. Auf der Terrasse, im Umkreis von Palmen und Lorbeer, Gardenien und Lavendel, kann man Afternoon-Tea mit Scones zu sich nehmen, wie es seinerzeit der Hausherrin gefiel. Im Musikzimmer, am Steinway-Flügel, den Victoria Ocampo kurz vor dem Ersten Weltkrieg in Europa erworben hatte, saßen neben Strawinsky auch Manuel de Falla oder Federico García Lorca. In den Sesseln des Salons ließen sich Graham Greene, Albert Camus, Octavio Paz oder Indira Gandhi nieder. Und in einem der ehemaligen Kinderzimmer fasste, viel früher natürlich, Victoria Ocampo, etwa zehn Jahre alt, eine erste bemerkenswerte Epistel ab, einen Protestbrief gegen das Regime ihrer englischen Privatlehrerin, das sie verglich mit dem britischen Burenkrieg und dem Umgang mit Jeanne d’Arc. "Ich entdeckte mit einem Mal", heißt es in ihren Erinnerungen, "dass Schreiben für mich eine Erleichterung bedeutet."

Das Leid, das sich Victoria damals von der Seele schreiben wollte, ging über die Härten des Privatunterrichts noch kaum hinaus. Denn im Übrigen fehlte es ihr an nichts. Die Familie gehörte zur argentinischen Oligarchie, blickte auf bedeutende Staatsmänner und Militärs im Stammbaum zurück und besaß Geld wie Land im Überfluss. Victoria liebte ihre Eltern, die Tanten und Großonkel und hatte in deren verstreuten Residenzen eine Menge Platz zum Spielen. 1896, sechsjährig, reiste sie mit den Eltern und zwei jüngeren Schwestern (drei weitere wurden später geboren) für mehr als ein Jahr nach Frankreich; auf dem Schiff fuhren nicht nur einige Bedienstete mit, sondern auch mehrere Hühner und Kühe, um die Versorgung der Kinder mit Milch und Eiern sicherzustellen. Als Andenken an Paris wünschte Victoria sich damals "den Rubin von Cartier" – aber das ging dann doch zu weit.

Erst in der Pubertät stieß sie an empfindlichere Grenzen. Es waren die ihres Standes. Eine Schauspielkarriere kam nicht infrage; Direktkontakt zu Jungen war ausgeschlossen, Tangotanzen ebenfalls. Mehr und mehr widerstrebte der strahlend schönen Victoria Ocampo der vorgezeichnete Lebensweg als schmückendes Beiwerk an der Seite eines Mannes, dessen mutmaßliche Betrügereien sie großmütig würde erdulden müssen. Ihre Großmutter trug noch – Geschenk des Gatten – ein Armband mit der Inschrift "In Ketten und zufrieden". So wollte, so konnte sie nicht enden. Schon früh hatte sie sich durch allerlei Weltliteratur gefressen, war von Sherlock Holmes’ oder Jules Vernes Abenteurern ebenso begeistert wie von der Divina Commedia, Shakespeares Dramen oder Baudelaires Gedichten. Ihr Horizont schien viel zu weit für das, was die Eltern ihr erlauben mochten. Wie gut, dass sie wenigstens ihre Brieffreundin hatte. "Ich bin kein zartes Pflänzchen", schreibt sie ihr, "das im schützenden Schatten eines mächtigen Baums leben möchte. In mir gibt es zu viel Liebe; aber ich bin auch vom Gedanken an Freiheit und intellektuelle Stärke berauscht. Es ist so schön, alles zu verstehen ... und manchmal so traurig."

Im Februar 1908 schließt Victoria Ocampo erstmals jugendliche Liebessehnsucht und literarische Heldenverehrung kurz. Sie schreibt dem angebeteten Schriftsteller Anatole France einen anonymen Brief, in dem es bündig heißt: "Ich bewundere Sie. Ich glaube, ich verstehe Sie, und ich liebe Sie." Das ist ein interessanter, gewagter Dreischritt. Er wird allerdings, in unterschiedlicher Maskierung und Intensität, Victoria Ocampos Leben begleiten. Immer wieder wird sie versuchen, über ein geliebtes Werk zu dessen Autor vorzustoßen; auch im Menschen das zu finden, was dessen Text zuvor in ihr auslöste. Das ist nicht nur literarisches Fan-Wesen. Sie himmelt im Schriftsteller zugleich die fleischgewordene Fantasie aus der eigenen Jugend an. "Literarische Ambitionen?", schreibt sie mit 18. "Teure Freundin, wenn Du nur wüsstest, wohin ich ziele, wie weit ich gehen möchte, wem ich gleichen möchte ... und das alles, ohne zu wissen, wie ich es anfangen soll!" Während sie selbst auf ein Leben nach der Norm verpflichtet werden soll, verkörpert der Schriftsteller jemanden, der sich die eigene Existenz ganz nach Maßgabe seiner Geisteskraft geschneidert hat. Wenn das nicht verehrungswürdig ist!

Dem Doppelleben zwischen intellektuellem Ehrgeiz und großbürgerlicher Pflichterfüllung entkommt Victoria Ocampo nicht so leicht. Noch einmal geht es im Familientross für zwei Jahre nach Europa. Als Gasthörerin besucht sie die Sorbonne – nie ohne Anstandsdame. Nach der Rückkehr lässt sie sich 1912 in die Hochzeit mit einem hübschen Verehrer hineinkomplimentieren. Die Ehe wird umgehend zur Eifersuchtshölle. Nebenbei lernt sie die Liebe ihres Lebens kennen, einen schönen, nicht unklugen argentinischen Diplomaten, den sie 15 Jahre lang meist heimlich treffen muss. Auch als Victoria Ocampos Ehe längst aufgelöst ist, gestatten sich die Liebenden keine gemeinsame Existenz. Gegen Ende der zwanziger Jahre ermattet das geteilte Gefühl; eine vergleichbare Leidenschaft wird Victoria Ocampo nicht wieder erleben.