Schon 1957 war der Bau eines 100-Megawatt-Brutreaktors geplant. Er bleibt auf der Wunschliste der Atomkommission, auch der legendäre Atomforscher Werner Heisenberg macht sich für den Brüter stark, der quasi naturgesetzlich als der "richtige" Reaktor betrachtet wird. Denn er verbraucht nicht nur Kernbrennstoff, er kann auch neuen produzieren. Zumindest theoretisch. Durch den ungebremsten, "schnellen" Neutronenbeschuss werden große Mengen spaltbares Plutonium "ausgebrütet". Damit wird der Reaktor zum optimalen Futterverwerter, der das Uran als Brennstoff bis zu 60-mal besser ausnutzt.

Elf Milliarden Mark für ein Kraftwerk, das nie ans Netz geht

Im Kernforschungszentrum Karlsruhe wird Atomforscher Wolf Häfele zum lautstarken Propagandisten des Schnellen Brüters. Im April 1960 startet im Herzen der deutschen Atomforschung die Brüter-Entwicklung. Einige Monate später arbeiten bereits bis zu 300 Mitarbeiter an dem Wunderding, das ein neues internationales Wettrennen um die Vorherrschaft in der Atomtechnik ausgelöst hat. Und Häfele, der Pastorensohn, hebt ab: Er imaginiert gigantische Atomstädte und stellt sie in eine Reihe mit den Pyramiden des alten Ägyptens, vergleicht den Brüter sogar mit der Erfindung des Feuers.

Doch der Reaktor ist extrem teuer, extrem störanfällig und mit seinem Explosionsrisiko extrem gefährlich. Der im niederrheinischen Kalkar von 1973 bis 1985 errichtete Schnelle Brüter wird zur größten Investitionsruine der Bundesrepublik. Mit einem Festpreis von 500 Millionen Mark ist er 1969 konzipiert worden. 1973 beginnen die Bauarbeiten, die am Ende sieben Milliarden Mark verschlingen. 1985 steht der Reaktor betriebsbereit, aber noch nicht zu Ende genehmigt auf der grünen Wiese. 1991 stoppt die nordrhein-westfälische Landesregierung das "Höllenfeuer von Kalkar", wie SPD-Arbeitsminister Friedhelm Farthmann die Anlage nennt, wegen Sicherheitsproblemen. Inklusive Forschungs- und Entwicklungskosten verbrennt dieses Höllenfeuer elf Milliarden Mark. Mit dem schon zwei Jahre zuvor abgeschalteten Hochtemperaturreaktor im westfälischen Hamm-Uentrop, der statt Strom nur Brennelemente-Schrott fabrizierte, und der ebenfalls 1989 aufgegebenen Wiederaufarbeitungsanlage im oberpfälzischen Wackersdorf zerplatzen die Großprojekte der Branche in Serie. Die über Jahrzehnte gezimmerte Ideologie eines geschlossenen Brennstoffkreislaufs inklusive Plutoniumwirtschaft liegt in Trümmern. Auf dem Brüter-Gelände direkt am Rheinufer errichtet später ein findiger Holländer einen Vergnügungspark mit Wasserspielen: Kernies Wunderland.

Erste "Akzeptanzprobleme" gibt es allerdings schon Ende der sechziger Jahre. In den Siebzigern dann werden die meisten AKW-Standorte – ob Stade, Biblis, Brunsbüttel, Krümmel, Ohu, Grohnde, Brokdorf, Neckarwestheim oder Wyhl – zu Schauplätzen eines erbitterten Widerstandes.

Die ersten Protestler sind alte Leute, sie werden nur belächelt

Beim Bau des Kernkraftwerks Würgassen an der Weser 1968, so erinnert sich der damalige AEG-Chefkonstrukteur Klaus Traube, "erlebte ich die ersten Proteste: Es waren vor allem alte Leute, sehr konservativ". Ein Weltbund zum Schutz des Lebens und der unermüdliche Atomphysiker Karl Bechert kritisieren die Strahlengefahren. Doch die Proteste verpuffen. Traube: "Wir haben sie nur belächelt."

Reaktorsicherheit ist noch kein Thema, bis Mitte der sechziger Jahre hat die Bundesregierung für diesen Etatposten weniger als eine Million Mark veranschlagt. Nur Atombomben und -raketen erscheinen gefährlich. Doch mit den Erkenntnisfortschritten der Wissenschaft werden die Risiken langsam greifbar. Der GAU als "größter anzunehmender Unfall" schleicht sich in die Risikobetrachtungen ein. Die Neue Zürcher Zeitung schockiert 1967 ihre Leser mit der Nachricht, dass Plutonium 109-mal giftiger sei als Blausäure. Noch bleibt es ruhig auf den Bauplätzen.

Ausgerechnet aus Frankreich schwappt dann der Protest über den Rhein. Am 25. April 1971 mobilisiert das Elsässer Komitee zum Schutz der Rheinebene die Bürger gegen das geplante Kernkraftwerk Fessenheim. 15000 Menschen, auch aus dem Badischen, pilgern zum Atomstandort am Canal d’Alsace und halten ihre Transparente in die Frühlingsluft. Noch heftiger sind die Reaktionen auf den Bau einer Bleisulfatfabrik im elsässischen Marckolsheim durch die Chemischen Werke München. Die Anwohner fürchten den Bleistaub und steigen auf die Barrikaden: "Atom und Blei – und das Leben ischt vorbei!" Als am 20. September 1974 die Bagger anrücken, besetzen 21 Bürgerinitiativen aus dem Elsass und aus Baden den Bauplatz. Zelte werden aufgeschlagen, eine Küche wird installiert, man richtet sich ein. Nach fünf Monaten Blockade kapituliert die französische Regierung und stoppt im Februar 1975 den Bau, die Bürgerinitiativen jubeln. Die Platzbesetzung findet noch im selben Monat ihre Fortsetzung im rechtsrheinischen Wyhl.