Als der schwedische Energiekonzern Vattenfall im März 2009 das Aus für ein neues Steinkohlekraftwerk in Berlin bekannt gab, hatten die Umwelt- und Klimaschützer Grund zum Jubeln. Doch auch mit dem Nachfolgeprojekt können sich viele Ökologen nicht anfreunden. Jetzt nämlich will Vattenfall am Standort des alten, mit Braunkohle betriebenen Heizkraftwerks Klingenberg zwei Biomasse-Kraftwerke bauen.

Um den Heißhunger der neuen Anlagen zu stillen, reichen geschredderte Weihnachtsbäume, Waldrestholz und Landschaftspflegematerial aus der Region längst nicht aus. Deshalb will Vattenfall im großen Stil Holzhackschnitzel importieren.

Dass der Konzern dabei als Lieferant ausgerechnet das von Korruption geplagte westafrikanische Liberia im Blick hat, werten Umweltschützer und Menschenrechtler als Kampfansage. Außerdem wollen die Schweden in den ebenfalls nicht unumstrittenen großflächigen Anbau von Energiehölzern einsteigen, sogenannte Kurzumtriebsplantagen. Weil diese Plantagen oft auf – für die Landwirtschaft nur bedingt geeigneten – "Grenzertragsstandorten" entstehen sollen, fürchten Naturschützer um letzte Refugien für Arten, die in den intensiv bewirtschafteten Agrarwüsten keine Chance mehr haben.

Möbel-, Bau- und Papierindustrie könnten das Nachsehen haben

Eigentlich gilt Biomasse als Königsweg des Klimaschutzes . Denn verbrannt wird ja, zumindest in der Theorie, nur das, was zuvor gewachsen ist. "Klimaneutralität" heißt das Zauberwort. Als Motor regionaler Wirtschaftsentwicklung wird Biomasse auch von konservativen Politikern geschätzt. In Berlin will Vattenfall in insgesamt drei Biomasse-Heizkraftwerken rund eine Million Tonnen Holzhackschnitzel jährlich verbrennen und in umweltfreundlichen Strom plus Fernwärme umwandeln. Vattenfall hat dem Berliner Senat zugesichert, auf diese Weise die Emissionen in der Hauptstadt bis 2020 im Vergleich zum Basisjahr 1990 zu halbieren.

Der heikle Deal mit Liberia wirft ein Schlaglicht auf den hart umkämpften Holzmarkt, auf dem immer mehr Akteure um einen knappen Rohstoff wetteifern. Zu den traditionellen Nutzern von Wald- und Resthölzern wie der Möbelindustrie, der Bau- und Holzwerkstoffindustrie sowie der Papier- und Zellulosehersteller ist die vom Staat mit diversen Förderinstrumenten gepäppelte Biomasse-Branche hinzugekommen. Nicht nur Vattenfall, sondern auch andere Energieversorger wie RWE sind in großem Stil in den Markt eingestiegen.

Die drohende Rohstofflücke mit Importen aus Entwicklungsländern zu füllen, hält Arno Frühwald vom Institut für Holztechnologie und Holzbiologie der Universität Hamburg für den falschen Weg. Die Exportländer seien dann womöglich gezwungen, mehr fossile Energieträger zu verbrennen – was die Klimaziele konterkarierte. Außerdem bedrohe das zunehmende Verheizen von Waldholz die Versorgung der deutschen Holzindustrie und gefährde so ihre globale Führungsposition.

Im Hafen der liberianischen Stadt Buchanan türmen sich derweil schon die Hackschnitzel-Halden. Im Frühjahr hatte die schwedische Muttergesellschaft Vattenfall AB einen Vertrag mit der niederländischen Firma Buchanan Renewables (BR) geschlossen. Er sieht in einem Zeitraum von fünf Jahren die Lieferung von einer Million Tonnen gehäckselter Gummibäume aus liberianischen Plantagen vor. Biomasse-Kraftwerke des Konzerns in Skandinavien, Polen und Deutschland sollen damit gefüttert werden.

 Das nach Berlin exportierte Holz fehlt in Liberia als Brennmaterial

Klaus Schenck, Wald- und Energiereferent bei der Hamburger Organisation Rettet den Regenwald e. V., kennt die Gummibaumindustrie, zu der auch der japanische Reifenmulti Bridgestone-Firestone gehört, gut. Der Konzern rodet alte Gummibäume in den riesigen Industrieplantagen und lässt neue Bäume pflanzen. Die UN prangerten auf diesen Flächen seit Jahren katastrophale Zustände an, sagt Schenck. Sklavenähnliche Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit und schwere Umweltzerstörung seien an der Tagesordnung. Vattenfall dagegen lobt Buchanan für seine "hohen sozialen und ökologischen Standards". In den betreffenden Plantagen sei Kinderarbeit "explizit verboten", Arbeitszeitvorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) würden eingehalten; die Löhne lägen über dem vorgeschriebenen Mindestlohn.

Der Disput über die Arbeitsbedingungen ist nicht der einzige Punkt, der das Liberia-Geschäft in einem ungünstigen Licht erscheinen lässt. Das Gummibaumholz sei kein Abfallprodukt, das man guten Gewissens verbrennen könne: "Das Holz wird oft zu Kinderspielzeug und Haushaltsgegenständen verarbeitet", sagt Schenck. Darüber hinaus decken die Liberianer einen großen Teil ihres eigenen Energiebedarfs mit Holzkohle. Auch dieser Brennstoff wird zum Teil aus den gleichen Gummibäumen hergestellt wie die für den Export bestimmten Hackschnitzel, die die Berliner Klimabilanz aufbessern sollen.

Der Direktor des Instituts für nachhaltige Entwicklung in Liberias Hauptstadt Monrovia, Silas Siakor, berichtet bereits von einer Verdoppelung der Holzkohlepreise im Land, was dazu führen könnte, dass zu Lasten des Farmlandes und der Regen- und Mangrovenwälder immer mehr Gummibaumplantagen angelegt werden. Vattenfall will dieser Entwicklung unter anderem mit einer "Vorzugsverkaufsklausel" begegnen, die der Energieversorgung am Ort einen Vorrang gegenüber dem Verkauf an Vattenfall sichern soll. Schenck hält die Vorstellung jedoch für "absurd", dass sich der Konzern auf diese Weise selbst von der Rohstoffversorgung ausschließe.

Der Energiekonzern RWE baut im US-Bundesstaat Georgia eines der weltweit größten Holzpelletwerke. Pro Jahr sollen 700.000 Tonnen Pellets nach Europa gebracht werden. "Mit dieser Investition geht RWE einen strategisch wichtigen Schritt zur Sicherung der Rohstoffbasis für den wachsenden Biomasse-Markt in Europa", heißt es in einer Stellungnahme des Konzerns. Um Konflikten mit Umweltschützern zu begegnen, beruft sich RWE auf die in Georgia gültigen "hohen Nachhaltigkeitsstandards".

Solche Standards für feste Biomasse müssten auf nationaler oder europäischer Ebene erst entwickelt werden. RWE-Konkurrent Vattenfall hat sich schon selbst an die Arbeit gemacht und will noch in diesem Jahr eigene, "strenge" Nachhaltigkeitskriterien für den Bezug von Holz aus Drittländern veröffentlichen. Sie sollen die Konkurrenz um die Landnutzung ebenso verhindern wie den Raubbau an Regenwäldern. Außerdem ist beabsichtigt, eine günstige CO₂-Bilanz über den gesamten Produktions- und Nutzungsprozess zu garantieren.

Das RWE-Projekt in Georgia sehen Umweltschützer ähnlich kritisch wie den Vattenfall-Kontrakt mit Liberia. Sie beklagen, dass im Süden der USA, einem Zentrum der weltweiten Papierproduktion, immer mehr Wälder großflächigen Plantagen weichen – angeheizt durch den Bioenergie-Boom. "Der Export der Pellets nach Europa macht die Sache nur noch schlimmer", sagt Scot Quaranda von der Waldschutzorganisation Dogwood Alliance. Auch deutsche Waldschützer wie Peter Wohlleben halten Holzimporte und Energieholzplantagen für falsch. Wenn Biomasse, dann nur regional und aus Alt- und Resthölzern, fordert der Förster aus der Eifel, der auch ein Buch zum Thema (Holzrausch) vorgelegt hat.