Lange litt das stolze Hamburg an einem Minderwertigkeitskomplex. Denn die zweitgrößte deutsche Stadt mit ihrem imposanten Hafen stand in dem Ruf, eben keine Kulturstadt, sondern ein bloßer Handelsplatz zu sein, regiert von den berühmten Pfeffersäcken. Reich, aber vaterlandslos. Villenverliebt, aber keine Ahnung von Goethe.

Gegen dieses miese Image hat Hamburg sich seit dem 19. Jahrhundert gewehrt, indem es zwei der besten Theater des Landes etablierte, indem es eine Kunsthalle nebst weiteren großen Museen baute und fürs neue Millennium die Elbphilharmonie als teuerstes Konzerthaus Europas plante. Zuletzt hofierte der Senat mit siebenstelligen Zuschüssen private Sammler. Warum nicht, wenn man es hat. Doch plötzlich, oh Schreck, reicht das Geld nicht, und da opfert der kaum ins Amt gelangte Kultursenator, ohne sich mit Recherchen bei seinen Schutzbefohlenen aufzuhalten, gleich drei traditionsreiche Institutionen.

Was Wunder, dass kühle Hanseaten zu Demonstranten werden: Neuerdings sieht man sie drohend Transparente schwenken. Sie kleben Plakate, halten auf offener Straße politische Reden, schrauben Schutzplaketten an Museen, schimpfen von Theaterbühnen herunter und ernten Applaus beim bürgerlichen Publikum. Ein für seine Sanftmut berühmter Museumsdirektor empfing den Kultursenator – der ihn nur eines sechsminütigen Telefonates gewürdigt hatte, nachdem alles beschlossen und verkündet war – mit den Worten: Guten Morgen, Herr Senator, ich kann Sie leider nicht willkommen heißen!

Revolution liegt in der Luft. Mit Grund: Das Deutsche Schauspielhaus und die städtischen Bücherhallen, beide längst heruntergespart, werden durch Kürzungen im Millionenbereich ruiniert. Das Altonaer Museum aber, das bedeutendste Haus für norddeutsche Kulturgeschichte, das eben für drei Millionen Euro saniert und vor kaum einem Jahr neu eingeweiht wurde, soll liquidiert werden. Es wäre die erste Schließung eines Museums dieser Größenordnung in Deutschland. Ein Signal: nicht nur Kulturbruch, sondern Politik nach Gutsherrenart. Weil die Sparmaßnahmen nicht offen debattiert wurden, weder mit den Betroffenen noch mit den Bürgern, die bei Beschlüssen solcher Tragweite vielleicht doch gern gewusst hätten: Warum haben wir ein Haushaltsloch? Und warum muss man es so und nicht anders stopfen?, fühlen viele sich düpiert. Sie behaupten nicht, dass Kultur eine heilige Kuh ist. Sie lehnen nur einen Politikstil ab, der an Willkür grenzt.

Wieso kann Leipzig 15 Prozent seines Haushaltes für Kultur ausgeben und Hamburg nur zwei? Wie soll das Schauspielhaus als Spitzentheater mit schon jetzt nur noch 30 Ensemblemitgliedern (Durchschnitt sind in vergleichbar großen Häusern 45) Spitze bleiben, wenn das Wiener Burgtheater über hundert und sogar Düsseldorf über vierzig Schauspieler hat? Wie steigert man bei guter Auslastung Einnahmen, ohne die Kartenpreise zu erhöhen?

In der Krise zeigt Hamburgs Regierung ihr wahres Gesicht. Es ist das Pfeffersackgesicht des selbstherrlichen, an Renommiersucht gescheiterten Geizhalses – der nicht mal ordentlich rechnen kann. So soll das Aus des Altonaer Museums 3,5 Millionen Euro sparen. In Wirklichkeit, hört man von der Stiftung Historische Museen, sind es womöglich nur 300.000 Euro. Die Abwicklung könnte teurer werden als die Erhaltung.

Wie kann das sein? Ganz einfach. Die Lohnkosten laufen weiter, weil die Museumsmitarbeiter nicht beim Museum, sondern bei der Stiftung Historische Museen und zum Teil indirekt bei der Stadt angestellt sind. Außerdem kann man eine Immobilie voller Museumsobjekte nicht einfach verscherbeln, die Mietkosten, die bisher mit einer Million Euro aus dem Museumsetat finanziert wurden, und das Gros der Betriebskosten laufen also weiter. – Es sei denn, man mottet die Sammlung ein oder wirft sie weg. Hat die Stadt das vor?

 

Der neue Kultursenator Reinhard Stuth (CDU) hat dem Museumsdirektor Torkild Hinrichsen versichert, er müsse sich keine Sorge um seine über hundertjährigen Schätze machen: die Schiffe, Gemälde und Galionsfiguren, das Wolkentheater, die Wunderkammer und die moderne Kinderabteilung. Ach nein? Tatsache ist, dass es in Norddeutschland kein konservatorisch geeignetes Depot für die 640.000 Objekte gibt. Nur zusammen bilden sie eine Erzählung über die Identität der ganzen Region. Die Kulturbehörde ist vom gesteigerten Interesse der Deutschen am Thema Geschichte (der Ausstellungsboom! die Geschichtsmagazine!), von der wachsenden Sehnsucht nach historischer Selbstvergewisserung offenbar nicht zu beeindrucken. Aber lassen wir so kulturkonservative Argumente mal beiseite und bequemen uns einer kaufmännischen Logik an. Dann fällt die Bilanz noch peinlicher aus.

Am Montag erklärte der Kultursenator den verblüfften Museumsmitarbeitern, das Museum werde vielleicht verkauft und der Platz könne für eine andere Kultureinrichtung genutzt werden. Für welche, sagte Stuth nicht. Und wie sollen die Objekte abtransportiert werden? Darüber kann die Kulturbehörde nicht nachgedacht haben, sonst wäre sie gleich über das Herzstück des Museums gestolpert: ein halbes Dutzend wunderschöne alte Schiffsmodelle in nachgebauter Meereslandschaft, das sind dreidimensionale Dioramen von je etwa zwölf Kubikmeter Größe. Die lassen sich nicht auseinanderbauen – folglich durch keine Tür hinaustransportieren. Es gibt zwei Lösungen: Entweder zerschlägt man die Dioramen wie ein billiges Buddelschiff oder zertrümmert die neue gläserne Front des Hauses.

Wofür wird Hamburg sich entscheiden? "Eine Vollstreckungsmentalität, die nicht durch Sachkenntnis unterfüttert ist" – so beschreiben sie auch im Schauspielhaus ihre Situation. Plötzlich sollen sie 1,2 Millionen Euro sparen. Dem provokanten und mit Preisen überhäuften Theater wird vorgeworfen, nicht genug Einnahmen erzielt zu haben, obwohl es einen in Deutschland überdurchschnittlichen Eigenanteil von 19 Prozent erwirtschaftet.

Das Hamburger Thalia Theater schafft zwar 25 Prozent, hat aber auch nicht den Auftrag, möglichst viel jugendliche Zuschauer anzuziehen. Die zahlen halt weniger als Erwachsene. Das "Junge Schauspielhaus" hat eine Auslastung von 90 Prozent und gilt im Land als beneidenswertes Modell. Es lebt vor allem von den kleinen Spielstätten. Die kann sich das Schauspielhaus künftig nicht mehr leisten. Es sei denn, die große Bühne beschränkt sich auf zwei Neuproduktionen pro Spielzeit statt der bisherigen neun. Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Vielleicht hätte das experimentierfreudige Schauspielhaus ein bisschen weniger kritisch sein sollen. Nicht dauernd von Arm und Reich reden, wie neulich wieder, bei der Premiere von Hänsel und Gretel. Sonst kommen junge Leute noch auf die Idee, dass es komisch ist, wenn unsere Nachbarn in der OECD eine durchschnittliche Vermögenssteuer von 3,8 Prozent haben, aber wir in Deutschland null. Eine Abgabe von nur einem Prozent würde in Hamburg bei 20 Milliardären mit zusammen 40 Milliarden Euro Vermögen schon 400 Millionen Einnahmen bringen. Und da sind die 20.000 Vermögensmillionäre der Stadt noch nicht mitgerechnet. Aber lassen wir das.

Apropos Jugend. Das Altonaer Museum wird nun gerügt, es habe zu wenig zahlende Besucher, dabei beschloss der Senat selber, dass Kinder und Jugendliche freien Eintritt haben. Tja, jetzt zählen 30.000 junge Besucher pro Jahr eben nicht mehr. Wer bei der Jugend Erfolg hat, ist selber schuld. Und wie diese Gesellschaft aus der Vergangenheit in die Zukunft gelangt, ist der Kulturbehörde offenbar auch wurscht.

Noch Zahlen gefällig? Museumsdirektor Hinrichsen sagt, der Verkaufswert des Altonaer Grundstückes, den die Stadt auf 1,8 Millionen Euro beziffert, ziele auf "eine beispiellose Verschleuderung öffentlichen Eigentums". Denn der Grundstückspreis in dieser Lage stehe derzeit bei 2500 bis 3000 Euro pro Quadratmeter. Das Museumsgrundstück ist 5000 Quadratmeter groß. Ein halbwegs realer Verkaufspreis müsste mindestens 10 Millionen Euro betragen. "Vielleicht hat es uns erwischt, weil ein Investor diesen Dumpingpreis zahlen will?"

 

Ja, vielleicht kommt bald ein glitzriger Kulturpromi, neben dem jedes Museum verstaubt wirkt. Es kursiert das Gerücht, der Architekt Meinhard von Gerkan, der im Jenischpark nicht bauen durfte, sei interessiert. Er selber will sich dazu nicht äußern. Bleibt das Rätsel, warum Hamburg den Rest seines Tafelsilbers verschleudert. Am teuersten bei der Museumsschließung, sagt Hinrichsen, sei die Vernichtung von geldwertem Eigentum. Alle Objekte zusammen seien 100 bis 200 Millionen Euro wert. Hat das Museum Bestand, dann akzeptieren die Banken die Objekte als Sicherheit für etwaige Staatskredite. Was jedoch nicht heißt, dass man die Stücke einzeln zu diesem Preis losschlagen könnte. Wertvoll sei die Beleihungssumme. "Nachdem Hamburg zuhauf Grundstücke und öffentliche Gebäude verhökert hat, gehört das Museumsgut zu den letzten dinglichen Sicherheiten für Staatskredite." Wir verstehen: In den Museen liegt der Staatsschatz. Wer hat das Recht, ihn zu verschleudern? Ein seit vier Wochen amtierender Kultursenator? Ein neuer Oberbürgermeister, der übermorgen vielleicht wieder weg ist?

Deshalb sind sie in Hamburg jetzt entsetzt über ihre Stadt. Die Vorstandsvorsitzende der Stiftung Historische Museen Lisa Kosok schaut mit Wehmut auf Dresdens herrliche Museen. Und nicht nur auf die. "Das Mannheimer Technoseum hat für einen einzigen Museumsstandort denselben Etat zur Verfügung wie wir für zehn große Museen zusammen. Frankfurt am Main leistet sich in einem Historischen Museum so viele wissenschaftliche Mitarbeiter wie Hamburg in zehn Häusern."

Ach, das waren noch Zeiten, als Hamburg unter einem Minderwertigkeitskomplex litt und Kulturstadt werden wollte. Jetzt zeigen sich die Pfeffersäcke wieder als Pfeffersäcke. Renommiersüchtig, aber geschichtsvergessen. Wir würden ja lachen, wenn wir nicht fürchten müssten, dass das Beispiel Schule macht.