Wenn es wenigstens zum Lachen wäre! Eine ausgewachsene Königskobra hauste im Athletendorf für die Commonwealth-Spiele in Delhi. Wildschützer mussten eingreifen, um die Sportler vor der giftigen Schlange zu schützen. Doch das indische Publikum lacht schon lange nicht mehr. Es schämt sich. "Die Commonwealth-Spiele: Indiens Schande" titelte die Times of India, die größte englischsprachige Zeitung der Welt.

Nun werden die alle vier Jahre stattfindenden Commonwealth-Spiele, eine alte imperiale Tradition des britischen Königreichs, in Deutschland nicht als besonders wichtiges Ereignis wahrgenommen. In Indien hingegen schon. Seit Jahren verkündet die Regierung in Delhi großspurig, mit den Spielen das erste Mal ein sportliches Großereignis in Weltklassemanier im eigenen Land zu inszenieren.

Indien übernahm den Auftrag für die Spiele im Jahr 2003, zwei Jahre, nachdem China den Zuschlag für Olympia erhalten hatte. Glänzendes Indien ("Shining India") lautete damals das Motto der indischen Regierung, die bewusst den Wettlauf mit China aufnahm. Beide Länder hatten sieben Jahre Zeit. Zwar wechselte 2005 die Regierungsmannschaft in Delhi, aber nicht das ehrgeizige Ziel: Was die Chinesen können, können wir auch, wollten die Inder der Welt beweisen.

Umso größer ist heute die Enttäuschung. Seit einer Woche treffen die Athleten aus 71 Ländern ein, doch nichts ist fertig. Das Nehru-Stadion, Hauptaustragungsort der Spiele im Zentrum Delhis, wird bis zum allerletzten Tag vor der Eröffnung Baustelle sein: Hastig müssen dort Baubrigaden der Armee eine neu gebaute Fußgängerbrücke wieder aufrichten, die in der vergangenen Woche wegen Konstruktionsmängeln einstürzte.

Das Brückendesaster ist kein Einzelfall. Der schöne, alte Connaught-Place im Herzen der Stadt wurde für Renovierungsarbeiten aufgerissen – und sofort wieder zugeschüttet, als klar wurde, dass die Zeit nicht reicht für eine Sanierung. Die Zeitungen berichteten währenddessen über Korruptionsskandale jeder Größe. "Hängt mich, wenn ihr meine Schuld beweisen könnt", rechtfertigte sich der Organisationschef der Spiele, Suresh Kalmadi, ein ranghoher Politiker der regierenden Kongress-Partei. Es klang, als spräche er sein eigenes Todesurteil.

Doch nicht nur Indiens Regierung hat sich verkalkuliert. Vor wenigen Monaten noch glaubte die gesamte Elite des Landes an den Erfolg der Spiele. Das indische Wirtschaftswachstum lag zuletzt bei 8,8 Prozent. Die Börse verbucht Rekordwerte. Nur China verzeichnet höhere Direktinvestitionen aus dem Ausland. Was dabei aber übersehen wurde: Indien wächst völlig anders als China, ausgehend von viel niedrigeren Voraussetzungen. Hätte sich Indien beispielsweise auf einem Weltgesundheitskongress mit China gemessen, wären die Chinesen von vornherein die Verlierer gewesen. Aber beim Bau von Sportanlagen und anderen Großprojekten: Wer kann es da mit China aufnehmen?

Grund für den Fehlschlag ist allerdings weniger die Korruption – die gab es in China auch. Entscheidend sind die Arbeiter. Die chinesischen Wanderarbeiter, die das Pekinger Olympiastadion errichteten, waren keine Rechtlosen mehr, die meisten von ihnen hatten ordentliche Verträge, bekamen dreimal am Tag Essen und ein festes Dach über dem Kopf. Ihre Löhne stiegen in den letzten zehn Jahren um über hundert Prozent.