Von Journalistenkollegen wird dem Musikkritiker bisweilen Argwohn zuteil: Ohne Befristung durch Alter oder Kompetenz kann er mit seiner privaten Neigung Geld verdienen, überall erhält er Freikarten und gute Plätze, sogar in Bayreuth und Salzburg, bekommt bergeweise neue Platten, und beim Schreiben ist Subjektivität kein Hindernis. Kein Wunder, dass sich zwei so unterschiedliche Typen wie der Maler Paul Klee und der Politiker Johannes Rau in jungen Jahren ein Zubrot mit dem Rezensieren von Konzerten verdienten.

Jetzt werden wir unerwartet mit einem weiteren Kritikus bekannt gemacht: Edward W. Said, der das Amt des Rezensenten jedoch nicht mit der Leichtigkeit des Freizeitsportlers versah, sondern mit Tiefsinn und Ingrimm. Der 2003 gestorbene Literaturwissenschaftler, der lang als wortmächtigste Stimme Palästinas im Westen und als Verbündeter des Dirigenten Daniel Barenboim galt, war ein exzellenter Pianist und Opernkenner; seit 1986 wirkte er als Musikkritiker bei der US-amerikanischen Wochenzeitschrift The Nation, für die auch mal Jean-Paul Sartre und Albert Einstein geschrieben haben. Gesammelte Essays aus diesem und anderen Journalen unter dem Titel Musik ohne Grenzen kreisen wie Satelliten um Saids Lieblingsthemen: um Pianisten (Gould, Schiff, Serkin, Michelangeli, Pollini, Brendel, Rubinstein, Argerich), Dirigenten (Celibidache, Solti, Rattle, Boulez), Komponisten (Bach, Wagner, Strauss, Verdi, Mozart, Beethoven), um Opernabende, Festivals, den Spielplan der Met, das Phänomen des Klavierabends und sogar die Erbaulichkeit von Orgelkonzerten.

Indes muss der Leser die eventuelle Befürchtung, hier gebe sich ein Liebhaber im Plauderton Gedanken hin, die schon tausendmal vor ihm gefasst und (besser) aufgeschrieben wurden, bereits nach einigen Seiten revidieren. Dies ist ein hinreißendes Buch eines Fachmanns, der über einen eleganten und zugleich rigorosen Stil verfügt. Auf musikalischer Seite übersetzt uns Said die Dialektik der Sonatensatzform und die vertikale Struktur der Fuge, beklagt auf der soziologischen den Verfall der Musikpädagogik und der Konzertkultur, schimpft auf der philosophischen über die Verarmung des Nachdenkens – und bindet alles zusammen und verflüssigt es wieder, wenn er nun über Musiker spricht, die er erlebt hat. Der Künstler am Klavier beispielsweise erscheint in Saids Weltsicht immer als ein Prototyp, der grundsätzliche Entwicklungen der Zeitläufte abbildet.

Der exzentrische kanadische Pianist Glenn Gould bereitete Said offenbar eine andauernde Form der Erhebung, und nach Goulds Tod entflammte in Said – so berichtet es seine Ehefrau Miriam im Vorwort – der Wunsch, der Flüchtigkeit der Zeitkunst Musik und der Interpretation das dauerhafte Asyl der Worte zu öffnen und in ihnen die Geheimnisse der Kunst zu reflektieren. Wenn er keine Geheimnisse (mehr) spüre, wollte Edward, der Gerechte, das allerdings nicht verschweigen. Solti: oberflächlich. Brendel: mitunter überschätzt. Beethovens Sinfonien: nicht alle wirklich stark. Mehr als einmal möchte man mit dem Kopf nicken und ausrufen: Endlich sagt es einer! Mitunter spürt man Saids persönliche Enttäuschung, etwa bei dem Pianisten Maurizio Pollini, "der seine außerordentliche Begabung in einem ziellosen Gewoge klirrender Töne vergeudet". Manchmal tappt die Freude des Lesers, der weitere Enttarnungen der Großkopfeten erhofft, allerdings in eine Art Selbstschussanlage – wenn Said etwa den großen Deutschen Bernd Alois Zimmermann einen "sehr unzulänglichen Komponisten" nennt und das am Beispiel der in New York aufgeführten Oper Die Soldaten leider auch überzeugend begründet.

Wie Said Musikern das gewissenhafteste Zuhören schenkt, um es hinterher an seinem Schreibtisch zu verarbeiten und wohl erst nach dem Schreiben zu wissen, wie er einen Konzert- oder Opernabend wirklich empfunden hat, das bezeugt eine Gesittung, die in der Branche langsam abhanden gerät. Saids Buch gebietet Einhalt durch Vorbildlichkeit.