Die ZEIT hat in ihrem Artikel über die Grenzen des Wirtschaftswachstums in der vergangenen Woche einen Nerv der Deutschen getroffen: die Wachstumsskepsis. Viele Bürger haben den Eindruck, ihr persönliches Wohlergehen sei vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) unbeeinflusst: Trotz Wirtschaftswachstums in den Jahren 2001 bis 2008 haben viele keine Verbesserung wahrgenommen, trotz Rekordeinbruch 2009 keine Verschlechterung. Die Erderwärmung zeigt zudem, dass wir nicht weiter so wirtschaften und wachsen können wie in den vergangenen Jahrzehnten. Doch es wäre töricht, deswegen ganz auf Wachstum verzichten zu wollen.

Dass sich die Deutschen nicht wohlhabender fühlten, liegt schlicht daran, dass das Plus der vergangenen Jahre ungleich verteilt wurde. Zwar stieg das BIP im Jahrzehnt vor der Krise um etwa zehn Prozent. Doch das kam nur den Wohlhabenden zugute. Die realen Löhne, Gehälter und Sozialleistungen der breiten Masse stagnierten oder gingen gar zurück.

Doch auch heute gibt es auf dieser Welt immer noch viele drängende Probleme, die sich am besten mit einem Mehr an Wirtschaftsleistung – also durch Wachstum – lösen lassen. Dafür muss man nicht in die armen Länder blicken. Allein die Debatte um Kinderarmut in Hartz-IV-Familien, um Wintermäntel, Musikunterricht oder Nachhilfestunden zeigt: Es gibt auch bei uns Armut, auch bei uns muss das materielle Wohlergehen vieler Menschen verbessert werden. Das geht am leichtesten durch eine Wirtschaft, die wächst. Für gut verdienende Professoren mögen stagnierende Einkommen akzeptabel erscheinen – für Hartz-IV-Empfänger sind sie es sicher nicht.

Moment, mögen einige sagen: Nachhilfeunterricht für die Kinder ist doch kein Wirtschaftswachstum. Falsch. Das BIP ist die Summe der im Inland entgeltlich hergestellten Güter und Dienstleistungen. Mehr Nachhilfestunden bedeuten damit ein Mehr an BIP. Wirtschaftswachstum bleibt notwendige Voraussetzung für gesellschaftlichen Fortschritt.

Und nicht jede Art von Wachstum belastet die Umwelt. Das gilt für Nachhilfestunden, aber auch für Industriegüter. Tendenziell sind Autos mit einem niedrigeren Benzinverbrauch teurer. Würden künftig statt der traditionellen Fahrzeuge nur noch jene mit niedrigem Benzinverbrauch gekauft, stiege automatisch das BIP.

Tatsächlich ist die Ressourcenintensität des Wachstums in den Industrieländern seit Jahrzehnten rückläufig: In den OECD-Staaten blieb der jährliche Pro-Kopf-Ausstoß an CO₂ von 1971 bis unmittelbar vor der Finanzkrise 2007 etwa konstant, während sich die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung mehr als verdoppelt hat. Mit richtigen Technologien ist noch viel mehr zu erreichen, wie das Beispiel Schwedens zeigt. Dort ist der jährliche CO₂-Ausstoß pro Kopf bei Verdopplung der Wirtschaftsleistung im selben Zeitraum sogar von mehr als zehn auf rund fünf Tonnen gefallen. Das Pro-Kopf-BIP ist heute fünfmal so hoch wie das chinesische. Trotzdem verantwortet der durchschnittliche Schwede nur etwa zehn Prozent mehr CO₂ als ein Chinese – übrigens, ohne dass dafür die Industrie weitgehend ins Ausland verlagert worden ist. Mit schwedischem Lebensstil und Technologie könnte China also den Lebensstandard mit nur zehn Prozent mehr CO₂-Ausstoß verfünffachen.

Ohne Wachstum ist ein Prozess des ökologischen Umsteuerns schwer vorstellbar: Bei stagnierenden Einkommen wird es kaum möglich sein, der Bevölkerung zu erklären, dass sie künftig die teurere, aber energiesparende Waschmaschine kaufen soll. In einer stagnierenden Wirtschaft bedeutet Umweltschutz immer einen verschärften Verteilungskonflikt – auch das dürfte ein Grund sein, warum die Ökosteuer bei den Deutschen in den Stagnationsjahren 2001 bis 2004 so unbeliebt war.

Natürlich muss die Politik die Rahmenbedingungen setzen. Sie muss entscheiden, welche Art von Wirtschaftswachstum wir wollen. Genau eine solche Steuerung wurde über Jahrzehnte versäumt. Das hat die Umwelt zerstört – und es erklärt, warum so viele Menschen am Sinn von Wachstum zweifeln. Einer Schrumpfungs- oder Stagnationsgesellschaft das Wort zu reden führt aber in die Irre.