Nein, der Konflikt um Stuttgart 21 ist noch längst nicht gelöst. Das Kommunikationschaos zwischen dem Schlichter Heiner Geißler und Ministerpräsident Stefan Mappus hat es eben wieder gezeigt. Der Streit um den Bahnhofsbau wird weitergehen. Zu unversöhnlich sind die Positionen, zu groß ist immer noch die Empörung über den rabiaten Polizeieinsatz vom vergangenen Donnerstag, als Beamte in Darth-Vader-Montur auf Schüler, Rentner und Umweltaktivisten einprügelten. Als der Staat auf bürgerliche Demonstranten losging , als seien sie krawallwütige Hooligans. Und die zuständigen Politiker diese Bürger anschließend in bonzenhafter Borniertheit als "wohlstandsverwöhnt" verhöhnten.

Dieser Donnerstag im Schlossgarten war ein Schock. Ein Schock für die Konsensrepublik, die Bilder wie die aus Stuttgart nur von militanten Kreuzberger Mai-Demonstrationen zu kennen glaubte.

Seither steht Stuttgart21 auf der Kippe. Nicht weil sich irgendetwas an der Rechtslage geändert hätte. Auch nicht weil die 50.000 oder 100.000 Menschen, die immer wieder gegen den Tiefbahnhof protestiert haben, das Volk sind. Sie sind ein Teil des Volkes, mehr nicht. Nein, Stuttgart21 steht auf der Kippe, weil ein Punkt absehbar geworden ist, an dem sich das Projekt nicht mehr durchsetzen lassen wird. Ein Punkt, an dem der Nutzen des Bahnhofsbaus außer Verhältnis geraten wird zu den politischen Kosten – für die Stadt, für das Land, für den Bund. Und für die Demokratie insgesamt. Noch ist dieser Punkt nicht erreicht. Aber weit ist es nicht mehr bis dorthin.

Wer also das Bauvorhaben noch retten will, der muss auf Deeskalation setzen, auf Dialog und Demut statt auf Pfefferspray und Polemik. Denn was dem Projekt am meisten fehlt, lässt sich, wenn überhaupt, nur mühsam zurückgewinnen: Vertrauen.

Ohne Vertrauen in seine Institutionen und in seine Entscheidungen kann der Rechtsstaat auf Dauer nicht existieren. Und dieses Vertrauen ist in Stuttgart längst verloren gegangen . Weil die Politik sich nicht ernsthaft genug angestrengt hat, das Projekt geduldig zu erläutern – und Gegenargumente anzuhören. Anders ist nicht zu erklären, warum dieser Tiefbahnhof Woche für Woche mehr Menschen auf die Straße treibt als der Widerstand gegen die Hartz-IV-Reform; warum einzelne Bäume verteidigt werden, als ginge es auf Leben und Tod; und warum der Chef der Deutschen Bahn nach Morddrohungen unter Polizeischutz gestellt werden muss.

Dass ist denn auch die wirklich große Frage, die hinter dem Streit um den Stuttgarter Bahnhof steht. Sie lautet: Kann sich diese Gesellschaft noch über große Projekte und tief greifende Reformen verständigen? Gelingt es ihr, über Zukunftsaufgaben offen zu streiten – und dennoch am Ende zu Entscheidungen zu kommen?

Es ist alles andere als eine theoretische Frage. Wenn Deutschland wirklich auf erneuerbare Energiequellen umsteigen will, dann wird es, um die Versorgung sicherzustellen, gewaltige neue Stromleitungen bauen müssen, kreuz und quer durchs Land – und gegen enorme Widerstände. Wenn dagegen überall Bürgerinitiativen mobilmachen, wenn über jeden Trassenkilometer vom Volk abgestimmt werden soll, Landkreis für Landkreis, Bundesland für Bundesland, dann sind die Polkappen geschmolzen, ehe eine Oberleitung steht. Auch die Grünen, die den Protest in Stuttgart mit anführen, müssen sich diese Frage vorlegen.