Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts hatte ein Wiener Patriot eine Idee, gleichermaßen seltsam und kühn. Er schlug vor, dass jede der in Wien lebenden Nationalitäten, sofern es von ihr nicht nur ein paar versprengte Sippen, sondern größere, über ein, zwei Generationen eingesessene Gruppen gebe, einen eigenen Bezirk zugewiesen bekomme. So erzählt es zumindest Birgit Schwaner nebenbei in einem anregenden Buch über die Geschichte des Wiener Kaffeehauses. Auch ihr ist der Name des vortrefflichen Mannes nicht bekannt, von dem sich ja auch nur erhalten hat, dass aus seinen Plänen nichts wurde. Der unbekannte Visionär, dem sein Wien als bunte Heimat vieler Völker teuer war, dachte offenbar nicht im Entferntesten daran, dass die einzelnen Bezirke sich womöglich zu Ghettos abschließen oder zu dem verkommen könnten, was man später Slums nennen würde. Eher träumte er von einer Weltstadt, in der tatsächlich aller Welt ein eigener urbaner Raum zugestanden würde, einer großen Stadt aus vielen kleinen Schtetln.

Folglich wollte er, dass sich die Bezirke schon architektonisch voneinander unterschieden, denn die Nationalitäten sollten sich in Wien ja nicht zu einer gemeinsamen vermischen, sondern eine jede ihre eigene Heimstatt finden. Im einen Bezirk würden beispielsweise die Armenier in typisch armenischen Häusern leben, in nach alter Bauweise errichteten Kirchen beten, armenische Verlage gründen und Wien zu einer intellektuellen Metropole der armenischen Kultur und Sprache machen. Im Nachbarbezirk mochten es ihnen die Slowaken (oder Serben, Italiener, Lothringer) gleichtun, indem sie es ihnen eben nicht auf armenische Weise gleichtäten, sondern auf spezifisch slowakische Art, was immer das heißt: die Häuser, die alltägliche Kultur, die Bezirkssprache – alles slowakisch, und das mitten in Wien, einer europäischen Kapitale, deren Stolz es wäre, aus nichts als lauter Parallelgesellschaften zu bestehen.

Ob die 23 Bezirke von heute ausgereicht hätten, den Plan städtebauliche Wirklichkeit werden zu lassen, muss man bezweifeln. Denn zahlreich waren die Völkerschaften, die im 19. Jahrhundert in Wien lebten. Die einen waren hier schon von alters her ansässig und hatten es dennoch zuwege gebracht, sich nicht nur einzubürgern als Wiener unter Wienern, sondern über die Jahrhunderte auch einige nationale Traditionen zu behaupten, wie etwa die Griechen, von denen schon Chroniken des 15. Jahrhunderts berichten, dass sie in der Stadt unübersehbar und unüberhörbar seien. Die anderen waren erst neulich in großen Schüben zugezogen wie die Tschechen, die proletarischen Ziegelböhmen, ohne die Wien nicht zur modernen Großstadt demoliert und neu errichtet hätte werden können.

Wie ernst es dem namenlosen Wiener Patrioten mit seiner Idee war, wird nicht vermeldet, denkbar ist, dass er sie eher folkloristisch umzusetzen gedachte. Nach Ähnlichem stand damals in der unheimeligen Ära des industriellen Aufbruchs vielen der Sinn. In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts hat etwa ein findiger, von genialen Ideen gejagter Mann aus Temesvár, der Theaterleiter, Geschäftsmann und Bankrotteur Gábor Steiner, versucht, auf einem von ihm erworbenen Gelände des Praters sein Klein-Venedig zu errichten. Zuvor hatte er zwei Architekten auf Studienreise nach Venedig geschickt, damit sie ihm, heimgekehrt, eine kleine Stadt erbauten, mit durch die Praterauen schneidenden Kanälen, auf denen Gondeln schaukelten, mit venezianischen Plätzen und Palästen.

Das Klein-Venedig von Wien wurde 1896 eröffnet, konnte von Gábor Steiner aber nicht lange kostendeckend betrieben werden, ebenso wenig wie das Riesenrad, das es ohne den umtriebigen Mann aus Rumänien und seine englischen Geschäftspartner nicht geben würde. 1938, im Alter von achtzig Jahren, musste Steiner aus der Stadt, die ihm ihr Wahrzeichen verdankt, fliehen, um zu überleben. Sein Sohn Edmund wurde in Auschwitz ermordet, seinem zweiten Sohn Max, der in den USA als Komponist äußerst erfolgreich war und, übrigens, die Filmmusik für Casablanca schuf, gelang es, den greisen Vater mit knapper Not aus Wien heraus und zu sich nach Hollywood zu holen.

Vom Neu-Venedig Gábor Steiners hat sich in Wien nicht viel mehr erhalten als vom Wien der europäischen Bezirke, das der anonyme Fantast nur in der Luft, in seinen hochfliegenden Plänen erbaut hatte. Was die beiden und ihre sehr verschiedenartigen Projekte verband, war der Wunsch, dass die zuwandernden Fremden in Wien als Fremde heimisch würden und sich die Wiener aus Interesse und Lebensfreude selbst die unbekannte Welt in ihre Stadt holen mögen.

Ich kenne Wien nicht gut genug, aber manche Stadtteile doch besser als die meisten meiner Wiener Freunde. Das hängt damit zusammen, dass ich Wien seit ein paar Jahren auf jene Weise erkunde, mit der ich es in den Städten fremder Länder versuche, nämlich indem ich sie mir zu Fuß ergehe. Wer aber geht schon in seiner Heimatstadt zu Fuß, außer in seinem Grätzel oder wenn er etwas im Zentrum zu erledigen hat? Städte, die über ein gut ausgebautes Netz von U-Bahnen verfügen, erleichtern es ihren Bewohnern zudem, weite Teile ihrer eigenen Stadt zu vergessen. Es entgeht ihnen, dass ganze Straßenzüge ihr Gesicht verändern, und wie sich mancher Bezirk entwickelt, das wissen sie nur vom Hörensagen, und meistens von Leuten, die es selbst nur vom Hörensagen wissen.