Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass Michael Häupl ein ausgebuffter Wahlkampfprofi ist, der Wiener Bürgermeister lieferte ihn am Montag dieser Woche. Da ließ er sein bevorzugtes Sprachrohr, die Kronen Zeitung, wissen, er trete ab sofort für eine Volksabstimmung ein, in der die Österreicher über die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht entscheiden sollen – ein Anliegen, für dessen Durchsetzung das Massenblatt in seinem typischen Kampagnenstil zufälligerweise gerade Schlagzeile um Schlagzeile abfeuert. Er selbst, fügte Häupl hinzu, werde für eine Abschaffung stimmen.

Natürlich wagte niemand in der eigenen Partei, dem roten Sturmgeschütz, das für den Erhalt seiner absoluten Mehrheit im Wiener Rathaus kämpft, zu widersprechen. Mit einem Schlag hatte Häupl so die Themenhoheit im Krieg der Parolen erobert. Tatsächlich war ihm mit der überraschenden Ankündigung aber weit mehr gelungen: ein Meinungsputsch gegen die letzten verbliebenen Gewissheiten der Sozialdemokratie.

Wenn es ein Dogma gab, von dem sich die Genossen bis noch vor einigen Wochen keinesfalls trennen wollten, dann bestand es in der prinzipiellen Ablehnung einer nationalen Streitmacht, die sich ausschließlich aus Berufssoldaten und Freiwilligen rekrutiert. Trotz leerer Kassen, trotz eines Wehrkörpers, der nur mehr dahinvegetiert, und trotz der vorherrschenden Meinung der Öffentlichkeit, die im System der österreichischen Landesverteidigung keinen Sinn mehr erkennen kann, beharrten alle führenden Funktionäre der SPÖ auf diesem verschwenderisch teuren Spielzeug der Offiziersgesellschaft. Vor allem weil die Erinnerung an das Bürgerkriegsjahr 1934 nach wie vor tief im kollektiven Gedächtnis der Sozialdemokratie verankert ist.

Damals, in der Kälte des Februars, wurde mit Kanonen auf Arbeiter geschossen. Mit tatkräftiger Unterstützung der Heimwehren, eines faschistischen Wehrverbandes, der vom italienischen Diktator Benito Mussolini aufgerüstet worden war, überwältigte das Bundesheer, eine Truppe von Berufssoldaten, in dreitägigen Kämpfen den Republikanischen Schutzbund, den bewaffneten Arm der Sozialdemokratie. Die roten Hochburgen der Wiener Gemeindebauten wurden sturmreif geschossen, die Paläste des Proletariats im Häuserkampf eingenommen, neun prominente Führer der Arbeiterbewegung standrechtlich hingerichtet. Es war der Startschuss zu einem Jahrzehnt Diktatur in Österreich.

Mit einem Schlag haben sich die Warnungen des Schutzbund-Kommandanten Julius Deutsch bewahrheitet, eines ehemaligen Weltkriegsgenerals, der als erster Heeresminister der jungen Republik Deutsch-Österreich noch versucht hatte, aus Teilen der aufgeriebenen Habsburger-Armee eine demokratische Wehrmacht aufzubauen, bewahrheitet: Eine reine Berufsarmee würde eines Tages ein willfähriges Werkzeug in den Händen einer Regierung sein, die der Sozialdemokratie den Garaus bereiten will.